Hoffnung finden, wo es eigentlich keine gibt!

 

 In der Natur gab es sicherlich Beispiele von Eltern, die in aufopfernder Weise bereit waren entgegen widriger Umstände das Gelingen der Aufzucht ihres Nachwuchses zu sichern. Genauso wie der Mensch natürlich auch! Um sich ein bisschen besser zu fühlen, dachte Lotta, musste sie nun mal etwas finden, das wieder ein Durchatmen ermöglichen konnte und die bedrückende Schwere im Herzen der vorangegangenen Überlegungen aufzuheben fähig sein würde – das wenigstens ein kurzes als auch erleichterndes Schnaufen einräumen konnte!

 

 Natürlich fielen ihr da umgehend die Kaiserpinguine ein. Ein wunderbares Exempel für hingebungsvolle Eltern, die absolut lebensfeindlichen Bedingungen zum Schutz des Eies strotzten und unerträglich Anmutendes auf sich nahmen, damit ihrem Nachwuchs zur richtigen Zeit ein guter Start ins Leben zuteil werden konnte. Der eisigen Kälte der Antarktis ausgeliefert und doch dieser ansonsten fast schon todbringenden Umgebung perfekt angepasst sowie trickreich sich in ihr zurechtfindend, haben diese besonderen Tiere einen Weg gefunden, der dennoch eine Arterhaltung gewährleistet.

 

 Wie gut, fiel Lotta in diesem Augenblick ein, dass der Eisbär am total entgegengesetzten Punkt des Planeten sein Zuhause hatte. Würden beide Gattungen, die tiefsten Temperaturen standhalten konnten, die gleiche Heimat teilen, wäre das ziemlich dämlich. Insbesondere, weil der Bär ein schnell jagendes Raubtier ist. Die Pinguine sind hingegen an einem Ort still verharrend, dicht aneinander gedrängt, was eine Flucht im Angriffsfall erheblich behindern würde und in einem Massaker enden müsste. Gut zu wissen, dass es so etwas in der Natur nicht gibt, naturgegeben verhindert wird, dass eine Gattung einem Jäger schutzlos ausgeliefert ist und um seine Existenz, das blanke Überleben fürchten muss! Der Bär bräuchte sich nicht mal anstrengen ob der tapsenden Bewegungsfähigkeit der Frackträger und könnte rund um sich zu futtern, würde im Laufe der Zeit womöglich seine Schnelligkeit einbüßen, wegen überflüssig geworden! Insofern wieder mal ein Plan der Natur, der gerecht als auch ausgewogen ist und einwandfrei funktioniert!

 

 Da war doch noch etwas? Das Zuhause nicht gefährdet zu wissen, richtig! Moment – klar, die Flüchtlinge! Die tun was sie tun, weil die Bedingungen für ihre Kinder nicht so sind, dass diesen eine unbeschwerte Kindheit zuteil werden kann. Eltern, die geben, zurückstecken, zu opfern bereit sind, weil sie wollen, dass ihre Kinder überleben – aus tiefster Liebe im Herzen was auch immer auf sich nehmen eben weil sie lieben und es dem Menschen möglich ist, der unwirtlichen Umgebung zu entfliehen, in der er sich womöglich befindet! Anders kann er sich halt nicht helfen und wenn dies der Fall ist, sucht er nach Wegen und Gegebenheiten, die seinen Kindern eine Chance bieten! Im Gegensatz zum Pinguin, weil dieser nicht auf die Idee kommt, sich woanders anzusiedeln, da er das auch nicht muss – ist er doch an die Verhältnisse um ihn herum angepasst und kann nichtsdestotrotz dafür Sorge tragen, dass das Kleinchen aus dem Ei schlüpft und bekommt, was es zum Heranwachsen braucht.

 

 Der Mensch aber hat eine Wahl und sind wir mal ehrlich, dachte Lotta, das würde jeder von uns tun! Ausnahmslos jeder würde nach Mitteln und Auswegen suchen, um für seine Kinder die besten Überlebenschancen zu schaffen! Niemand von uns würde dort verharren, wo der Tod täglich anklopft und uns das nimmt, was wir so sehr in unseren Herzen tragen. Wer das tut, ist nicht nur sträflich gleichgültig, sondern auch frei von jeglichem Verantwortungsbewusstsein. Mehr noch, alle, die so handeln, werden in unserer Gesellschaft von ihren Aufgaben entbunden. Dafür gibt es Einrichtungen wie Jugendämter als auch Wohngruppen für Kinder, die sonst nirgendwo hinkönnen, wo sie pflichtgetreu auf ihrem Weg ins Leben begleitet werden! Da, wo es dem Tod geweiht ist, belässt man kein Kind!

 

 Warum nur, fragte sich Lotta in diesem Moment, wird nun von einigen Menschen, zudem noch von ihren eigenen Artgenossen sozusagen, erwartet und verlangt, genau dort zu verharren und das zu ertragen? Etwas auszuhalten, was täglichem Elend als auch der permanenten Konfrontation mit dem Tod, dem Sterben, entspricht … mit welchem Recht eigentlich? Die Angst und Verzweiflung in den Augen der Eltern, die ein fast schon verhungertes Kind in ihren Armen halten und sich doch nur das Beste für dieses wünschen, ist das Natürlichste dieser Welt und menschlicher wie es menschlicher kaum sein könnte! Und doch gibt es da welche, die vehement die Ansicht vertreten, dass die man sehen müssen wie sie klar kommen – ein Unding und untrüglicher Beweis dafür, dass Menschlichkeit ausschließlich durch den Menschen selbst infrage gestellt sowie geforderter Maßen total außer Kraft gesetzt wird! Moralisch betrachtet könnte man glatt daherkommen und solches Begehren mit Bösartigkeit in Verbindung bringen und hätte auch noch Recht damit!

 

 Gleichwohl – auch bei uns gibt es Mütter und Väter, die einiges auf sich nehmen, um ihren Kindern ein möglichst gutes Leben bieten zu können. Eltern, die alles tun, sich aufopfern zum Wohle derjenigen, die halt auf uns angewiesen sind – auf uns Erwachsene … Eltern, die sich vor allem der immensen Verantwortung bewusst sind, die sie mit der Geburt des kleinen Menschleins tragen werden. Eltern, die dieses aus tiefster Liebe tun … Eltern, die über jeden Zweifel erhaben sind und auch zu Recht sein dürfen! Wobei gerade diejenigen, welche sich „über jeden Zweifel erhaben“ geben, nicht zwangsläufig auch diejenigen sind, denen es zusteht sich so zu präsentieren! Aber nun gut …

 

 Zurück zu den niedlichen flugunfähigen Vögeln der Antarktis! Lustig fand Lotta die kleinere Variante, die Adeliepinguine. Die Kiesel-Sammler. Die, welche beim Nestbau Steinchen kreisförmig aufhäuften, um das Weibchen zu animieren, dort das Ei abzulegen und zu brüten. Wenn ein Faulpelz unter ihnen gerade keine Lust hatte, selbst auf die Suche nach dem zu gehen, was er brauchte, hatte er keine Probleme damit, seinem emsigen Nachbarn Stein für Stein zu klauen. Allerdings nur solange, bis dieser den Diebstahl bemerkte und meckernd dem Geschehen Einhalt gebot. Es gibt zahlreiche Filmaufnahmen, die solche Verhaltensweisen belegen und beim Zuschauen herrlich amüsieren. Zwar ist der Dieb nicht wirklich nett, aber eben auch nicht tatsächlich bösartig. Das klappt solange, bis er erwischt wird. Man bringt sich nicht gleich um, kassiert eine Tüte Lack und gut ist. War ein Versuch wert! Muss er nun doch selber suchen gehen und sammeln, will er sein Nest fertigstellen. Ansonsten kein Ei – rächt sich sofort …

 

 Pinguine können aber auch anders als nur „nett“ und lustig sein. Sie können sogar gemein sein. Nicht alle, aber in bestimmten Situationen sind sie neben feige gewissermaßen auch ein bisschen sowas wie „mies“. Stehen sie nämlich versammelt am Rande einer Eisscholle und sind sich nicht sicher, ob da unten in den Fluten nicht ein böser Feind wie ein Seeleopard lauert, kann es passieren, dass sie plötzlich und unvorhersehbar ihren direkt neben ihnen stehenden Nachbarn ins Meer schubsen. Plumps und weg und hinterher gucken, ob er wieder auftaucht. Tut er das, dann ist es ungefährlich, oder so ähnlich! Wenn nicht, wissen sie, kein guter Zeitpunkt um fischen zu gehen! Nicht gerade schicklich, dafür aber wirksam. Für den Augenblick. Ist das nun niederträchtig? Oder ist man ob der niedlichen Erscheinung dieser putzigen Tierchen geneigt, aus menschlicher Sicht etwas zu verzeihen, was unter uns Menschen nicht akzeptabel wäre?

 

 Lotta runzelte die Stirn! Hm – gab es ähnliche oder vergleichbare Situationen im menschlichen Umgang? Klar ist, der kleine Kerl tut das, weil er Angst davor hat, zu sterben … Sind wir Menschen nicht auch wiederkehrend in Situationen, in denen wir uns davor drücken etwas tun zu müssen, das, sagen wir mal, nicht nur vorteilhaft für uns enden könnte? Wenn wir die Möglichkeit dazu bekommen, „schicken wir gerne wen vor“ … überlassen wem anderes, der mutig ist oder den wir wenigstens dafür halten, quasi den Vortritt! Allerdings nicht, wenn es für diesen unmittelbar den Tod bringen könnte. Dann hindert uns unser Gewissen daran, eben jenes zu tun – wen anderes freiwillig in die sprichwörtliche „Höhle des Löwen“ zu schicken, tun wir nicht, oder? Irrtum – tun wir, zumindest einige von uns tun das! Auch dann, wenn sie wissen, dass es für den anderen einen sinnbildlichen Tod bedeuten könnte. Jemanden im übertragenen Sinn ins Messer laufen zu lassen, weil man sich selbst dadurch „sicher“ wähnt, ist alltäglich, dachte Lotta. Denn auch der Adeliepinguin kann nicht sagen, dass ihm absolut kein Unheil droht, nur weil der Artgenosse vielleicht noch ungeschoren unter ihm herum planscht.

 

 Das Vorgehen des Tierchens belegt klar die vorausschauende Denkweise, die sein nachfolgendes Handeln unmittelbar beeinflussen wird – miteinbezogen das Kalkül, dass es der Artgenosse eventuell nicht schafft und sterben könnte. Zugegebenermaßen ist das alles andere als „nett“, keine Frage. Der Mensch ist das aber auch nicht. Wie oft geschieht es, dass genau solche Verhaltensweisen, die ebenfalls selten gedankenlos geschehen, an den Tag gelegt werden – sei es nun beruflich oder privat. Vieles ist abhängig von dem, was anderen geschieht und der Mensch an sich steht erstmal abwartend da und gleicht sein weiteres Tun dem Ergebnis an, wenn dieses vorliegt sozusagen!

 

 Beispielsweise findet man dieses Verhalten in einer Situation, die einem drohenden Unrecht entspricht, dem sich niemand wirklich entgegenzustellen traut. Einer, der vielleicht von sich aus vorangeht oder den man dazu bringt, vorzulaufen, weil man selbst ratlos ist, bekommt unfreiwillig als auch unausgesprochen die Rolle des „Probanden“ zugewiesen. Jemand, der stellvertretend für alle anderen die Rolle des „Vorläufers“ übernehmen muss – völlig egal, ob er das nun von sich aus tut oder sich dazu genötigt sieht. Dieser jemand, der sich damit auch wiederum stellvertretend für das Allgemeinwohl besagtem Unrecht entgegenstellt, wird von allen anderen „geopfert“ im wahrsten Sinne des Wortes, wenn es denn schief geht! Er wird aus den Augenwinkeln oder ganz direkt begutachtet – man schaut, was passiert und wenn es lohnenswert zu sein scheint, kann man sich ja anschließen, kein Thema, aber nicht vorher! Andersrum, kostet es diesen einen den Kopf, dreht man sich um und tut so, als hätte man nichts gesehen – man ändert die Richtung, ganz einfach!

 

 Ist das nun tatsächlich mit „Niedertracht“ zu bezeichnen? Ist mangelnder Mut nicht eine einleuchtende Rechtfertigung, die es zu entschuldigen gilt? Darf man jemanden „im Stich lassen“ indem man ihn „ans Messer liefert“ und dabei zusieht, wie er ertrinkt? Ist ein solch berechnendes Vorgehen eben unter dem Gesichtspunkt der fehlenden Courage auf blankem Selbstschutz beruhend daher mit gütigem Blick zu sehen? Funktioniert dieses immer und in jedem Fall, wo sind da Grenzen, sofern es diese überhaupt gibt? Wovon macht man es abhängig, dass ein Verzeihen gelingen kann und damit ein mildes Urteil gefällt wird? Sind es die drohenden Konsequenzen, die gnädig stimmen lassen, weil die Angst nachvollziehbar, bzw. begreiflich ist und alle aufkommende Wut daher sanftmütig ausgehebelt werden kann?

 

 Würden Eltern so handeln, gäbe es heftigste Konsequenzen. Naja, Lotta schob die Unterlippe vor und dachte, stimmt so auch nicht. Eigentlich ist gerade das ein Beispiel dafür, wie es eben nicht sein sollte! Gerade Eltern werden erst dann durch das Amt dazu gezwungen, wenn es schon nicht mehr anders geht … sie ihre Kinder tatsächlich sprichwörtlich ins Messer laufen lassen, ihrer Fürsorgepflicht so offenkundig nicht nachkommen, dass es schon unübersehbar ist. Meistens läuft es doch eher anders. Der, der am boshaftesten ist und dieses auch auf dreiste und selbstsichere Weise nach außen hin vertritt frei nach dem Motto „wag es bloß nicht, mir vors Schienbein zu treten, dann kracht es“, der kann machen was er will, sei es auch noch so absurd und ersichtlich, dass er Niedertracht in ihrem eigensten Sinne auslebt und das in vollen Zügen. Die Menschen sind halt so, sie trauen sich nicht, dann etwas zu sagen – zu sagen, was sie definitiv wissen! Obwohl wer anders, vielleicht eben gerade das hilflos ausgelieferte Kindlein, das auf die Unterstützung und den Beistand eben der Erwachsenen angewiesen ist, massiv darunter leidet.

 

 Das Unrecht kann noch so groß sein, lebensbedrohlich sogar für den einzelnen und doch werden sich kaum Leute verpflichtet sehen, einzuschreiten! Der kleine Pinguin, der sich urplötzlich in den Fluten wiederfindet, völlig unvorbereitet und womöglich direkt in das Maul eines Jägers gleitet ohne Chance auf Rettung, wird wohl keine Zeit mehr haben sich zu fragen, wie es nun dazu gekommen ist. Ein Biss und die Lebenslichter gehen aus! Ist diese Form der Mutlosigkeit der anderen immer noch zu rechtfertigen? Und das betrifft fast ausschließlich alles, was mit Gewaltanwendung zu tun hat – wo man mangelnden Mut vorschiebt, um nicht tätig werden zu müssen. Schämt euch, dachte Lotta in diesem Moment! Unfassbar, wie weit ein einzelnes Individuum gehen und Macht ausleben kann, indem es eine andere Seele zu Boden zwingt. Da können noch so viele andere drum herum stehen, die es mitbekommen – und die schweigen. Wie entschuldbar ist dann diese Angst? Wie lange kann man das rechtfertigen, obwohl man doch weiß, dass es unentschuldbar ist – im Grunde seines Herzens weiß man das und man weiß ebenso, dass man selbst sich nicht in einer solchen Situation wiederfinden möchte und sich dann, gerade dann den Beistand einer helfenden Hand als auch Schutz wünscht!

 

  Das Ding mit dem äußeren Schein wahren und so weiter, brandgefährlich fand Lotta. Denn auch das ist spürbar, wenn etwas nicht stimmt! Doch wen interessiert es wirklich? Wer schaut ernsthaft hin und lässt sich nicht blenden? Wem ist tatsächlich daran gelegen, dass es einem einzelnem gut geht und er halt nicht einem erkennbaren Leid ausgesetzt ist? Nur der, der liebt vielleicht … der einen einzelnen Menschen aus tiefster Seele liebt oder aber der so etwas wie Nächstenliebe in sich verankert hat und bereit ist, für andere, die schwächer sind, aufzustehen, sich zu erheben und für sie eine Lanze zu brechen! Ein Held? Ist es nicht ein kleines bisschen erbärmlich, dass es gerade in unserer so hochentwickelten Welt so etwas wie Helden braucht, um etwas durchzusetzen, was doch eigentlich selbstverständlich sein müsste?

 

 In unserer hierarchisch geordneten und straff organisierten Gesellschaft scheint etwas, das einem sittlichen Denken entspricht und für dessen Einhaltung eintritt, mit Kühnheit oder auch mit Waghalsigkeit gleichzusetzen zu sein. So etwas wie Entschlossenheit und Unerschrockenheit existieren nicht. Das waren nur Aneinanderreihungen von Buchstaben, die eine Bedeutung haben könnten, eventuell. Beherztheit und Schneid als auch Tapferkeit sind selten geworden. Lieber den Kopf senken und die Klappe halten, ist besser so! Um das zu erreichen und lebendig werden zu lassen, was wir uns alle in der Not wünschen,  nämlich solche Menschen um uns zu wissen, die bedenkenlos für uns eintreten, braucht es Vorbilder. Menschen, die entschieden vorangehen. Mut muss wachsen und je mehr sich ein erfolgversprechendes Ergebnis erkennen lässt, umso leichter wird es für alle anderen, ihre Scheu oder Schüchternheit zu überwinden – ein Gesetz der Natur, der Natürlichkeit, wenn man so will, dachte Lotta! Es braucht daher Helden, die forsch und in ihrem Selbstvertrauen ruhend einen Weg ebnen, dem andere vertrauen und sich nachfolgend aufraffen können, um zu folgen …  

 

 Der kleine Frackträger überlegt da nicht lange, sondern er gibt dem, der halt dummerweise neben ihm steht, einen Schubs und fertig aus! Alle anderen können sich ebenso daran orientieren. Es war somit nicht nur blinder Eigennutz. Die ganze Kolonie oder wenigstens alle, die ebenfalls unschlüssig am Schollenrand dagestanden haben, sind nun definitiv einen Schritt schlauer.

 

 Was den Menschen in dieser Hinsicht noch vom natürlichen Ablauf unterscheidet und ihn auch zwangsläufig differenzieren sollte, wie Lotta fand, ist eben halt das Sondieren einer Sachlage und Reflektieren der sich daraus erwachsenden Schlüsse, die das weitere Vorgehen bestimmen. Was vielen von uns nicht klar zu sein scheint, ist der Umstand, dass man in der Gemeinschaft stärker ist und je größer das Kollektiv, das unerschüttert für eine Sache einzutreten bereit ist, umso mehr kann es erreichen. Wenn nun die gesamte Horde von Pinguinen sich kopfüber in die Fluten stürzt, kann es trotzdem sein, dass ein oder zwei Tiere dem ranghöherem Jäger zum Opfer fallen. Bei den Menschen ist das nicht unbedingt so. Es wäre sogar möglich, den „Jäger“ zu stürzen oder eben denjenigen, der zur Bedrohung geworden ist. Den Menschen wird niemand im eigentlichen Sinne in den Tod schicken, sofern er kein Mörder ist. Normalerweise tut der Mensch das nicht, es sei denn, er ist von zerrüttetem Charakter. In allen anderen alltäglichen Fällen kann so etwas durchaus in die richtigen Bahnen gelenkt werden, wenn man nur will. Es gibt sie also durchaus: die Hoffnung darauf, dass es besser werden kann! Ausschlaggebend ist der Wille etwas verändern oder zum Positiven drehen zu wollen!

 

 Alle Disney-Liebhaber werden den Film „Der König der Löwen“ kennen und damit auch die eine Szene, die viele, wenn nicht sogar alle zu Tränen rührt, zumindest aber schwer schlucken lässt. Jene Szene, in der Mufasa stirbt, weil er zwischen die in rasende Bewegung geratene Büffelherde gerät und aufgrund dessen sein Leben lassen wird. Würde also eine Herde Büffel, die von Löwen angegriffen wird, kehrt machen und Fahrt aufnehmen, in dem sie genau auf die Löwen zu galoppieren, hätten diese keine Chance. Der Spieß würde sich umdrehen und damit die lebensbedrohliche Gefahr der Büffel, einen von ihnen zum Wohle des Raubtieres zu opfern, wäre hinfällig und aufgehoben!

 

 Ist nun die Herde an sich dumm, fragte sich Lotta in diesem Augenblick. Würden sie das anwenden, wann immer ihnen ein Rudel Löwen auf die Pelle rückt, hätten sie deutlich weniger Probleme. Der Witz an der Sache ist, dass gerade der afrikanische Büffel genau das tut und sich oftmals gegen angreifende Löwen stellt. Man könnte ihm sogar ein leicht hitziges Temperament unterstellen, wenn er in die Enge getrieben oder attackiert wird, erst recht, werden die Jungtiere ins Visier genommen. Er ist sich seiner offensichtlichen Stärke bewusst, zumal er einem Löwen alleine schon mit seinen Hörnern erheblichen Schaden zufügen kann. Ansonsten sind sie durchaus als friedlich zu bezeichnen, schon interessant fand Lotta. Aber war das auch im Sinne der Natur? In jener Ordnung, in der alles stets im Gleichgewicht sein muss … insofern war es logisch, dass sich ein charakterstarker Büffel den wütenden Löwen in den Weg stellt. Ein Blick und sie rotten sich um die Löwen zusammen, erhöhen das Tempo und diese sind dann gezwungen, aufzugeben und sich zum Schutz ihres eigenen Lebens vom Acker zu machen, aber schnell! Ähnlich wie bei den sanft zwickenden Hyänen, die dem Löwen seine bereits erlegte Beute abluchsen. Demnach ist eines der großen und gefährlichen Raubtiere an Land durchaus nicht immer und in jedem Fall der Sieger einer Auseinandersetzung oder Konfrontation! Das Schöne daran ist, dass auf solche Weise sowas wie Hochmut oder Überheblichkeit wie auch über die Maßen gereifte Selbstsicherheit in sich ausgeschlossen werden. Man lernt und zieht daraus seine Konsequenzen und immer und überall zu gewinnen und als Sieger hervorzugehen, lässt nachlässig werden, ganz sicher aber auch stolz, übermütig sowie irgendwann an klarer Selbstüberschätzung leidend. Die Natur sieht das offensichtlich nicht vor und löst dieses Problem vorbeugend – mal so und mal so! Interessant, dachte Lotta!

 

 Ähnliches wie bei den sich auflehnenden Büffeln gibt es in unserer gesellschaftlichen Struktur auch! Rafft sich einer auf (ein Held?), weil er die passenden Argumente hat und sich nicht blenden lässt von haltlosem Machtgehabe, das ohnehin nur auf Sand gebaut ist und vor Überheblichkeit strotzt, um gegen einen scheinbar großen Gegner anzutreten, finden sich umgehend jene, die das aus den Augenwinkeln betrachten. Mal abgesehen davon, dass man von wirklicher Macht nicht als „Macht“ spricht, sondern in dem Fall ist es dann Autorität, die unzweifelhaft ist und nicht vehement durchgesetzt werden muss. Wer wirklich durch Wissen und Ausstrahlung punktet, der hat so etwas wie „Machtgehabe“ nämlich in keinster Weise nötig, mehr noch, dem wird etwas derartiges eindeutig zu blöd sein, unter seinem Niveau quasi. Zurück zu jenem sich Auflehnenden, der sich nicht beugt und es schafft, dass hier und da wer aufhorcht, der ähnliche Ambitionen in sich spürt, aber zu wenig Mut hatte, um tatsächlich aufzubegehren. Nun aber sieht auch dieser eine Chance. Stück für Stück kann es auch bei uns klappen, dass derjenige, der eigentlich immer gewinnt, weil er sich stärker wähnt und Macht in sich verankert glaubt, eben nicht die unantastbare Gewährleistung eines Sieges davonträgt. Es ist mal so und mal so und das auch noch völlig zu Recht!

 

 Einzig den Unterschied macht bei uns Menschen eben besagter Hochmut aus! Die Großen und Mächtigen glauben häufig, eine selbstverständliche und nicht anzuzweifelnde Vormachtstellung implantiert zu haben, daher unantastbar zu sein und aus diesem Grunde erlauben sie sich auch gerne mal Fehler, die eine würdigende Umgangsform vermissen lassen. Mehr noch, sie gehen davon aus, dass es einer Anmaßung gleicht, versucht sich wer auch immer nicht unterzuordnen, freiwillig und mit gesenktem Kopf versteht sich! Wo dann noch so etwas wie Rachsucht und Wut, womöglich sogar Zorn folgen. Frechheit aber auch, Unterwerfung ist angesagt! Lotta dachte in diesem Augenblick, dass solche Regungen wohl unter den Menschen, teilweise sogar in der Tierwelt, eine äußerst schlechte Grundlage sind, um einen Sieg davontragen zu können. Besonnenheit, Reflektieren und überlegtes Handeln sind angebracht, erst recht und gerade dann, wenn man es mit einem ausgesprochenen Unrecht zu tun bekommt! Diese Leute, die denken, ihnen kann nichts passieren! Deswegen überschreiten sie, komplett die Bodenhaftung verlierend, scheinbar selbstsicher Grenzen, die ein normaldenkender Mensch instinktiv schon nicht ignorieren würde – eben weil es sich nicht gehört! Wenn nun die Bösartigkeit des einen, der die Selbstgefälligkeit der Macht hochmütig hinter sich wähnt, aus dieser Position heraus den Blick für das Wesentliche komplett verloren hat und daher sein Handeln sämtlich überspannt, ist das die beste Grundlage dafür, dass es früher oder später sowas von schief geht – eines Tages schief gehen muss! Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall – auch so ein Ding, das gerne mal von selbst geschieht! Irgendwann ist das Maß halt voll, gestrichen voll, sodass es überläuft!

 

 Das kleine Wicht (ein Held?), das Ziel und Angriffspunkt jenes Hochmutes gewesen sein mag und das schon längst auf der Abschussliste gestanden und man als erledigt abgehakt hat, wird sich eine solche Gelegenheit nicht zwangsläufig entgehen lassen und mobilisiert vielleicht Kräfte, die der Selbstgefällige zuvor nicht mal ansatzweise auf dem Schirm hatte. Weshalb diese dann auch äußerst überrascht reagieren. Selbst schuld, dachte Lotta! Mut hin oder her, es kommt auf die Ausgangslage an, welche die Motivation dafür ist, um als „David gegen Goliath“ anzutreten … Und wenn David dann noch Rückendeckung durch fundierte Vorbereitung oder eventuelle Mitstreiter bekommt, dann ist eine Kapitulation in Form der Flucht des Löwen plötzlich etwas, das durchaus plausibel erscheinen mag, sei sie beim ersten Hinsehen auch noch so aus der Luft gegriffen und weit hergeholt gewesen …   

 

 Wie viele Helden braucht denn dieses Land eigentlich? Lotta richtete fragend ihren Blick gen Himmel … eine Antwort wusste sie auch nicht! Sonderbar … gerade in unserer doch so zivilisierten Welt sind jene Werte, die eine gesittete Ordnung gewährleisten, sowas von ausgehebelt  – kann man das begreifen? Unglaublich!

 

 

 

 

Wer belegt hier eigentlich was?

 

 Ist es die Natur, die unser Verhalten näher bestimmen oder begreiflich machen könnte? Lotta wusste es nicht genau zu benennen … Dieses „David gegen Goliath“-Ding kommt ja auch anders geartet durchaus häufiger vor. Interessant ist beispielsweise auch der Umstand, dass der doch recht große Elefant stiften geht, wenn er es mit kleinen Bienchen zu tun bekommt. Eine Entdeckung, die viele Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Tier zu klären helfen könnte. Die Routen der Herden sind seit zig Jahren in deren Hirn eingeprägt, sie folgen ihrem Instinkt und die Tatsache, dass der Mensch ausgerechnet auf diesen Gebieten Ackerbau betreiben möchte und Siedlungen entstehen, macht den Tieren logischerweise zu schaffen. „Ich muss da doch lang“  - das kann man ihnen nicht mal ansatzweise vorwerfen. Ein Navigationsgerät, so wie wir es kennen, das uns Umwege oder Ausweichstrecken vorschlägt, hat der Elefant nun einmal nicht – woher auch und in der Savanne an sich total überflüssig. Dort ist doch Platz genug, sollte man meinen! Gerade deswegen ist die äußere Absicherung eines solchen Dorfes oder auch eingezäunten Landes durch das Setzen von Bienenstöcken doch eine naturgegebene Lösung. Der Mensch könnte sogar noch davon profitieren, weil er Zugang zu frischem als auch reinem Honig bekommt. Die Natur selbst bietet also Mittel und Möglichkeiten, die weder eine Schrotflinte noch Stacheldraht unter Strom gesetzt vorsehen!

 

 Mal abgesehen davon, dass es uns nicht anders gehen würde und zu Irritationen führt, wenn wir gezwungen sind,  auszuweichen oder einen komplett anderen Weg einzuschlagen. Nicht selten sogar bringt das den einen oder anderen von uns hinterm Steuer auch gerne mal zur Weißglut – insofern sollten doch gerade wir Verständnis aufbringen für einen wutentbrannten tobenden grauen Riesen, wenn ihm sein instinktiv eingeprägter Weg versperrt und er sogar noch angegriffen oder gewaltsam verjagt wird!

 

 Wie gut, dass wir heutzutage eben so etwas wie ein Navi zur Verfügung haben. Dort, wo wir schon oft waren und wo wir auch regelmäßig wiederkehren, finden wir aus dem Gedächtnis hin zurück, genau wie die Elefanten! Für alles andere brauchen wir einen Plan oder zumindest eine Karte. Noch besser Google Maps – perfekt! Die Technik, welch ein Segen für uns – ist doch so, oder nicht? Lotta musste in sich hinein grinsen, eigentlich sogar lautstark Lachen bei diesem amüsierenden Einfall der Natur, dass ein so riesiges Tier wie der Elefant einer um so vieles kleineren Brummsummse ausweicht, nur weil sie Stachelträger ist! Vielleicht ist es auch das Geräusch, das sie macht oder ihre Flugbahn an sich, die ihn stört. Fakt ist, er mag diese kleinen insektoiden Vertreter sowas von gar nicht. Stärke ist in dieser Situation völlig anders auszulegen und nicht von tatsächlicher Muskelkraft abhängig zu machen – Knaller!

 

 Wobei ja grade die Gattung der Insekten ein außerordentlich breites Spektrum innerhalb der Tierwelt einnimmt. Und die sind alle verhältnismäßig klein, um nicht zu sagen winzig. Daher sind sie auch mengenmäßig viele, leben in Staaten und Völkern wie man so schön sagt. Die Termite ist eines davon, das ebenfalls in den wärmeren Regionen dieses Planeten ihre aufsehenerregenden Bauten einfach mal irgendwo hinstellt. Manche von ihnen bauen auch Baumnester oder in die Tiefe. Einige „Nester“ können bis zu acht Meter hoch werden, sind stabil und standhaft, unterliegen architektonisch beeindruckenden Mustern und Regeln, sind gut durchlüftet, quasi klimatisiert, verfügen über ein ausgeklügeltes Tunnelsystem, das alle Bereiche miteinander verknüpft und sind aus in der Natur zu findenden Materialien erschaffen – ein absolutes Glanzstück und Paradebeispiel für Baukunst und deren gleichzeitig bestehender Funktionalität! Effektiv im Hinblick auf das Wohlergehen der im Inneren Lebenden sowie die Verteidigung nach außen hin gegen Fressfeinde als auch perfekt an die umgebenden Witterungsverhältnisse angepasst! Und das von einem Getier, das durchschnittlich ca. einen Zentimeter Länge misst und dessen Gehirn weniger als ein Stecknadelkopf groß sein kann. Ganz ohne technische Hilfsmittel wie Kräne oder Grundstoffe, die man erst mühsam herstellen oder aus der Tiefe abbauen muss. Die kriegen das hin mit ihrem Speichel und dem, was sie finden und das sich im Laufe der Existenz dieser an sich so winzigen Tierchen als zweckdienlich erwiesen hat! Innerhalb dieser Mauern, kann man ja schon fast sagen, herrscht eine strikte Ordnung. Die Aufgaben sind klar definiert und werden ohne Einschränkung ausgeführt, was den Grund für das Funktionieren des Ganzen ausmacht.

 

 Schon wieder taucht etwas Bekanntes auf, nämlich dieses „Hand-in-Hand“-Arbeiten. Zusammen nebeneinanderher Existieren klappt wunderbar, wenn jeder weiß, was er zu tun hat und dieses bedingungslos erfüllt. Er wird damit ein Teil des Ganzen und käme er seinem Auftrag nicht nach, kommt es zu Schwierigkeiten. Offensichtlich undenkbar unter uns Menschen. Das geht ja schon damit los, dass man des eigenständigen Denkens beraubt werden müsste und blind Anordnungen Folge zu leisten hätte – damit ist der Mensch an sich überhaupt nicht zufrieden. Möchte er doch eigenständig entscheiden. Angebracht ist etwas in dieser Form bei der Erziehung oder halt beim Militär. Oder der Operateur, der ein bestimmtes Instrument gerade jetzt braucht und dieses von der Schwester angereicht bekommt. Es gibt also Situationen und Lagen, in denen es einen gibt, der mehr zu sagen hat und der nicht infrage zu stellen ist. Daher auch zu Recht. Die Bevollmächtigung dazu ist aber von Situation und Lage abhängig zu machen. Sie steht ohne Zweifel nicht jedem zu, manch einer muss sich halt beugen, ansonsten ist das Gelingen des ganzen Vorhabens bedroht … Lotta musste nun wirklich schwer nachdenken, das wurde ja richtig kompliziert!

 

 Das menschliche Zusammenspiel braucht auf beruflicher Ebene ohne Frage Anführer, Führungspersonen als auch diejenigen, welche das große Ganze im Blick haben, überschauen und verstehen als auch für das stabile Funktionieren verantwortlich und daher befugt sind, zielführende Anordnungen zu erteilen. Das macht Sinn und ist auch wichtig, da es dafür entsprechende Ausbildungen, Studien oder sonstige Prüfungen der Weiterbildung gibt und geben muss. Was allerdings nur dann glattgeht, wenn diese Menschen dieses auch mit Verantwortungsbewusstsein als auch Kompetenz tun! Eine entsprechende Ausbildung zu haben mag theoretisch einigen von uns die Ermächtigung erteilen, für etwas befähigt zu sein, was aber im Alltag, wenn es in die Tat umgesetzt werden muss, nicht zwangsläufig auch glückt. Da gibt es dann welche, die man die sogenannten „Fachidioten“ nennt. Die haben durchaus Ahnung von ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld, denen fehlt aber der Blick für das Drumherum oder ein entsprechendes Sozialverhalten. Dann gibt es jene, die haben von Tuten und Blasen Null Peilung und sind tagein tagaus damit beschäftigt, dieses möglichst lautstark mittels Arroganz zu verbergen, bis sie dann eben doch irgendwann auffliegen. Aber nun gut!

 

 Die OP-Schwester, die schon zigmal einem Eingriff beigewohnt hat, wird nicht die Befähigung haben, diesen eigenständig durchzuführen. Insofern ist sie, auch wenn sie das eine oder andere schon von sich aus weiß und erledigen könnte dennoch auf die Stimme desjenigen angewiesen und von diesem abhängig, der eben der Operateur ist. Hätte dieser allerdings gerade ein Fail in Form von Trunkenheit beispielsweise, wäre es aber dennoch an ihr, einzuschreiten! Alles hat in gewisser Weise schon seine Berechtigung, darum geht es auch nicht. Beruflich, so dachte Lotta, ist alles klar. Im Arbeitsleben muss der, der halt nicht das entsprechende Talent oder die Begabung hat, eine bestimmte Aufgabe zu erledigen, etwas anderes machen. Zufrieden ist ein Mensch stets dann, wenn er das, was er tut, auch gut tut und eben seinen Beitrag leistet. Das stärkt unser Inneres!

 

 Auf menschlicher Ebene jedoch, ist das alles nicht so einfach! Da weht ein ganz anderer Wind. Ob „menschlich“ an dieser Stelle der richtige Begriff ist, fragte sie sich? Privat oder so trifft es vermutlich besser. Der Mensch in seinem Dasein, das Freizeit oder Vergnügen zuzuordnen ist. Also alles außerhalb des beruflichen Lebens! Würde man dieses als „unmenschlich“ betrachten? Wohl kaum, daher der Mensch in seinem nicht-beruflichen Dasein also! Was ein Glück, dass die Termite sich nicht über so etwas wie Freizeitvergnügen klar werden musste. Die tat, was sie tun muss und damit war sie fertig. Ist doch so, oder nicht? Wissen wir das eigentlich? Vielleicht erklärt sich auch dadurch letztendlich die Menschlichkeit des Menschen, die sich so überaus problematisch und als nicht zu fassen darstellt! Weil wir zu verschieden sind und daher unsere Wertigkeit des einzelnen, die Würde an sich ein so breitgefächertes Spektrum bietet, dass ein Überblick nicht machbar ist. Ebenso unverständlich und nicht nachvollziehbar wie die Unergründbarkeit der Tiefen des Ozeans, die uns vor genauso viele Rätsel stellt – und sich kein Ende finden lassen kann … vermutlich ist es purer Wahnsinn, sich diesem Thema überhaupt nähern zu wollen! Vielleicht, dachte Lotta … und konnte nicht umhin, es trotzdem weiter zu verfolgen!

 

 Wo waren wir noch gleich? Das „David-gegen-Goliath“-Ding, richtig … wenn man seine Gedanken in die Richtung lenkte, um nach Hinweisen zu suchen, die „klein“ mächtig groß machten und all das sowas von gar nichts mit Muskelkraft zu tun haben sollte, dann waren gerade die kleinen und kleinsten Lebewesen diejenigen, welche die ultimative Macht schlechthin besaßen. Zum einen, weil sie viele an sich waren und zum anderen, weil sie effizient in eben dieser Vielheit synchron arbeiteten. Hm – nee, so ist das auch nicht immer richtig. Eine einzelne kleine Ameise, die einem über den Puckel krabbelt, nervt schon gewaltig. Je mehr es sind, umso unangenehmer kann das sein, erst recht, wenn sie dann auch noch anfangen zu beißen! Kennt jeder, der sich aus Versehen im Wald genau auf einem Ameisenhügel niedergelassen hat und ganz plötzlich wie ein Irrer hochspringt. Das kleine Tierchen hat damit etwas, das weit aus kräftiger ist, ohne Diskussion in die Flucht geschlagen. Kein Problem … faszinierend irgendwie, fand Lotta! Normalerweise wäre ein nicht wirklich kräfteraubender Fußtritt auf dem Boden eine banale Lösung, um einer Ameise das Licht auszuknipsen. Man würde es als Mensch noch nicht einmal wahrnehmen. Im Wald jedoch keine Chance. Dort gewinnt das winzige Tierchen auf eine Art, die insgesamt betrachtet doch belustigend sein kann und das vollkommen ungleiche Gewichts- als auch Größenverhältnis ohne weitere Kommentare auf den Kopf stellt! Herrlich – von wegen „die Kleinen sind machtlos“!

 

 Noch übler und um etliches kleiner als Ameisen sind Viren und Bakterien. Wie viel Macht diese haben, wissen wir auch alle! Die knocken uns schlicht und ergreifen aus, ohne mit der Wimper zu zucken, mal abgesehen davon, dass sie keine brauchen – Wimpern oder ähnliches. Die kommen ungesehen und oftmals unbemerkt, denn wer kann genau sagen, wo er sich angesteckt hat. Die setzen sich durch, indem sie sich bei guter Grundlage vermehren und gewinnen! Ende der Durchsage!

 

 Passt das nicht auch bei Schlangen und anderem Getier? Je kleiner umso giftiger, umso fieser in ihrer Wirkung, oder so? Nicht der Netzpython oder die Anakonda ist die, welche ausschließlich Angst verbreitet. Sie sind imposant und riesig und ebenfalls alles andere als nett. Aber so eine kleine böse Giftschlange, Nattern halt, herrje – Lotta zählte Schlangen ohnehin nicht zu ihren Lieblingstieren, dennoch war das eine Erkenntnis, der es sich nachzugehen lohnte und wo ein Vergleich zur Menschenwelt durchaus spannend sein konnte!

 

 Nicht umsonst sagt man ja auch zu unlieben Menschen „Schlange“. Also jemand, der hinterhältig und gemein ist, der definitiv Niederträchtiges im Schilde führt. Lotta hatte jedenfalls noch nie im umgangssprachlichen Gebrauch so etwas gehört wie „guck mal, da hintern läuft der fiese Panda“. „Die miese Schlange“ – ja das kennt man. „Blöde Kuh und dämlicher Affe“ auch, ebenso wie „du dummer Hund“, aber „du bist echt ein mieses Eichhörnchen“ – nö, viel zu niedlich die kleinen Nager, als dass sie von ihrer Charakteristik her zu befürchten hätten, mit etwas Schrecklichem in Verbindung gebracht zu werden – im Gegensatz zur Schlange eben. Egal ob Mamba, Boa oder Python, Natter oder Seeschlange, die haben alle so etwas Irritierendes alleine schon aufgrund ihrer Bewegungen an sich, sofern sie nicht durchs dschungelige Geäst schleichen. Sicher in den Bäumen Halt findend und ob ihrer Färbung kaum wahrzunehmen, was an sich ja schon hinterhältig anmutet als auch mit ihrer vernichtenden Art, Beute zu erlegen, scheinen sie tückisch ihren Weg zu suchen, ständig auf der Lauer nach dem passenden Moment, um zuzupacken und zu töten. Dieses auf leisen Sohlen ganz ohne Füße, man merkt es nicht, daher trifft es einen total unvorbereitet und ehe man begreift, was da passiert, ist es auch schon geschehen. Oder aber man fällt in die sogenannte Schockstarre und mit weit aufgerissenen Augen kann man nur noch warten, bis sie endlich zubeißt – schon gruselig!

 

 Allerdings – ein kleiner „ab-und-an-Widersacher“ von Schlangen ist der findige Präriehund. Nicht wirklich an Größe oder Körpergewicht überlegen, eher trifft hier wohl das Gegenteil zu, denn er gehört zu der Gattung der Erdmännchen. Und doch schafft er es teilweise, einer Schlange den Garaus zu machen. Ziemlich schlau, fand Lotta, diese in den Bau zu locken und dann einfach einzugraben, sodass das kriechende Tier sich nicht selbst befreien kann. In einem langen, schmalen Gang ist ihr das Schlängeln verwehrt, was für sie aber notwendig ist, um sich vorwärts bewegen zu können. Kommt auch vor, in der Natur. Erneut ein Beispiel, das zwar nicht allgemeine Gültigkeit hat, so doch aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen ist! Ein kleiner und zumeist auch deutlich unterlegener Bursche setzt sich gekonnt zur Wehr und damit den vermeintlich stärkeren Fressfeind außer Gefecht. Er wendet an, was diese sonst tut … in diesem Fall geschlagen mit ihren eigenen Waffen! Niederträchtigkeit, Hinterhältigkeit, Gemeinheit, Bosheit – alles das sind Begriffe, die mit der Schlange an sich kompatibel sind. Die Schlange selbst allerdings folgt auch nur ihrem Instinkt, sie kann im Prinzip nun überhaupt nichts dafür, dass sie ist, wie sie ist. Der Mensch hingegen schon. Er hat jedes Mal eine Wahl und gerade das Böse an sich ist stets eine Willensentscheidung. Blöde aber auch, dass sich der Mensch in diesem Fall nicht auf Instinkte oder was auch immer berufen kann – zumindest blöde für all jene, die halt „böse“ sind!