JA – wo fängt man an?

 

 

 Am Anfang war es dunkel – so sah es aus. Finster und bedrückend, genau wie in Lottas Kopf, wenn sie darüber nachdachte! War das in der Bibel nicht auch so? Am Anfang war alles schwarz – ein Nichts und dann kam Gott und hat das Licht angeknipst, irgendwie so in der Art stand es doch geschrieben, richtig?

 

 Würde Lotta das Ganze in einem Bildnis beschreiben wollen, sähe sie sich vermutlich an dieser Stelle in den Tiefen des Ozeans versenkt – im absolut lichtundurchlässigen Teil der Fluten, die ungeschoren ihrer Existenz frönen können, abgeschieden von allen an der Oberfläche sich befindlichen Strömungen und Witterungen,  ohne sich je verteidigen zu müssen – sie sind einfach da, die Untiefen und stehen erhaben über allem. Klasse – das war ganz nach Lottas Geschmack. Etwas, das einfach da ist und sich total damit zufrieden gibt, existent zu sein – super! Etwas, dem es völlig wurscht war, ob es akzeptiert wurde oder nicht oder ob jemand seinem Geheimnis auf den Grund kommen wollte oder nicht …

 

 Genau genommen war es nicht mal ein Geheimnis! Es liegt ja offen da quasi. Wir sind nur noch nicht schlau genug um die Technologie zu entwickeln, die uns Zugang verschafft und einen umfassenden als auch vielsagenden Blick ermöglichen kann. Sicher, wir können schon Teile der Meere systematisch scannen und am Computer später dann einfach das Wasser wegnehmen, um den Boden in 3D sichtbar zu machen – besonders spannend für Archäologen oder Meeresbiologen! Und doch sind gut 95% des Weltmeeres nicht klar zu ergründen und bergen noch ungelöste Rätsel in sich. Man könnte sogar behaupten, dass die Rückseite des Mondes bereits aufschlussreicher beschrieben werden kann als die gut 90%igen Anteile unseres Heimatplaneten, die der Ozean stellt. Wenn das nicht Erhabenheit in ihrem ureigensten Sinne war, wusste Lotta es auch nicht mehr! Nach wie vor beeindruckend und soweit über den Dingen stehend, weil sich der Meeresgrund nicht in die Karten gucken lassen muss, da er nicht mal ansatzweise Gefahr läuft, dass dieses jemals geschieht! Urig auf eine Art! Irgendwie stände den Untiefen ein leises mildes Lächeln als solches gut zu Gesicht ob dieser in sich ruhenden Überlegenheit und der mehr oder weniger gar nicht vorhandenen Erfolgsaussicht für den Menschen hinsichtlich ihrer allumfassenden Ergründung …

 

 Ob es mit der „Menschlichkeit“ an sich wohl auch so ist, fragte sie sich? Manchmal kam es ihr so vor, ohne Zweifel! Allein die Begriffe sind ja schon diskutierbar hinsichtlich ihrer Bedeutung und Zusammenhänge. „Menschlichkeit“ ist auf den „Menschen“ zurückzuführen. Betrifft ihn, meint ihn und ist fest an ihn geknüpft, an sein Dasein, sein Verhalten als auch seine Existenz insgesamt, kann man das so sagen? Mit „menschlich“ ist auch die „humane Gesinnung“ als solche gemeint, in Übereinstimmung von Denken und Handeln die Würde des Menschen zu erfüllen, ihr stattzugeben. Sowohl „Humanität“ als auch „Nächstenliebe“ können hier genannt werden, gar „Barmherzigkeit“. Hin und wieder wird jedoch im umgangssprachlichen Gebrauch die Formulierung „ist doch menschlich“ benutzt, um etwas zu entschuldigen oder weniger gewichtig zu machen in Verbindung mit einer sich geleisteten Schwachheit und „kann passieren“ meinend.

 

 Wenn Lotta ihre Gedanken weiterschweifen ließ kam sie zu „Tier“ und „tierisch“. Dabei fiel ihr auf, dass es gar kein Nomen zu „tierisch“ gibt, bloß Umschreibungen, die Tiere betreffend, den Tieren zuzuordnen – schon interessant, besonders vor dem Hintergrund, dass es soviele tierische Mitbewohner auf diesem Planeten gibt. Schätzungen zufolge zwischen fünf bis ungefähr 50 Millionen Arten, was eine Spanne mit vielleicht einer Trillion Tieren entspricht, davon natürlich auch einiges an Insekten und kleinsten Lebewesen. Schon vielsagend, dass die uns zahlenmäßig um etliches überlegen sind, wenn man das so bedenkt. Eine Zahl mit 18 Nullen dahinter gegen eine andere Zahl mit lediglich der Hälfte der Nullen dahinter, also 9 Nullen, bei nämlich knapp 8 Milliarden Menschen weltweit. Und der Mensch ist Mensch, unabhängig von Hautfarbe oder äußerer Erscheinung. An sich ist der Mensch nicht in Gattungen oder ähnliches zu unterteilen, eventuell zu differenzieren seiner ethnischen Herkunft nach, ansonsten ist und bleibt ein Mensch Mensch!

 

 Ob sie nun anerkennend mit dem Kopf nicken sollte, wusste Lotta nicht, da sie es als eine stramme Leistung beäugte, sich selbst so tonangebend als auch an der Spitze stehend anzusehen! Von Hochmut ganz zu schweigen! Woher auch immer diese Haltung stammen mochte oder worin diese Selbsteinschätzung ihren Ursprung gehabt hatte. Allein von der Relation her ist es nicht gerechtfertigt, wenn man so offensichtlich unterlegen war und dennoch alles andere niederwalzen konnte – ein äußerst bedenklicher als auch zweifelhafter Umstand, wie sie fand!

 

 Dann fiel ihr ein anderer Begriff ein: „Natur“ und „Natürlichkeit“. Das war spannend, vor allem letzteres! In der Natur gibt es bekanntlich nichts, rein gar nichts, was nicht irgendwie eine Funktion hat oder Sinn macht, dementsprechend also „natürlich“ war. Alles hängt, sei es im Eigentlichen auch noch so klein, dennoch zusammen und wirkt auf das große Ganze als Zusammenspiel ein. Beschädigt oder zerstört man eines davon, kam die vollkommene Totalität aus dem Gleichgewicht. Auch die Anzahl der jeweiligen Vertreter, seien es nun Pflanzen oder Tiere, spielte dabei eine entscheidende Rolle.

 

 Sie machte es uns vor, die Natur, wie es funktionieren kann, wenn man im Gegensatz zum Homo sapiens aus vielen einzelnen besteht! Denn wir Menschen unterscheiden uns lediglich in unserer Gesinnung und den Ansichten, die wir vertreten. Wir müssen uns zurechtfinden anhand unserer anerzogenen Werte als auch der Geschichte unseres jeweiligen Volkes, können unsere Traditionen nicht außer Acht lassen und sind von dem geprägt, was wir erlebt haben und was jeden einzelnen von uns zu dem hat werden lassen, der er nun einmal ist. Wir sind noch nicht mal ansatzweise der Artenvielfalt rein biologisch oder physisch betrachtet ausgeliefert oder müssen damit zurechtkommen und ein Existieren nebeneinanderher gewährleisten, wie es die Tier- und Pflanzenwelt gekonnt zu meistern fähig ist!  Unsere Körper funktionieren alle mehr oder weniger vom Ansatz her gleich, wir brauchen alle Flüssigkeit und Nahrung zum Überleben und bestimmte Umgebungsvoraussetzungen. Außerordentliche Kälte ist vorübergehend machbar, aufgrund der zahlreichen Hilfsmittel, die wir heranziehen können. Bei Hitze hingegen sind auch wir ausgeliefert und nicht jeder kann damit umgehen. Muss er aber auch nicht! Ansonsten ist der Mensch lediglich physisch Mensch.

 

 Böte das nicht eine unfassbar klare Orientierungsmöglichkeit, wenn man nur genau genug hinsah und willens war, zu lernen? Die Natur braucht keine manifestierten, schriftlich fixierten und zigmal zu ändernden Gesetzesvorlagen, die tausendfach gebrochen werden können, so manches Mal sogar ungestraft. Ohne dass diese Vorgaben in der Existenz und dem Zusammenspiel alles Lebendigen miteinander in irgendeiner Form an welchem Ort auch immer hinterlegt wären, funktioniert es doch einwandfrei. Wie kann das eigentlich sein? Wir Menschen müssen alles Mögliche erforschen, um dann Rückschlüsse ziehen zu können. Der Löwe an sich weiß vielleicht nicht, dass er ein Löwe ist, aber dass er ein Raubtier ist, jagen muss, um zu überleben, kriegt er mit, ohne dass er es schriftlich fixiert erst mühsam oder gar notgedrungen anzuerkennen hat. Alles, was er braucht, lernt er von Geburt an durch seine Mutter und sein Rudel, auch sei an dieser Stelle der Instinkt genannt! Das funktioniert in allen Bereich der Natur, in die man schaut – eine Gesetzgebung, die auch niemand hinterfragen könnte oder müsste und weil sie eben funktioniert, wird sie akzeptiert und hat bedingungslose Gültigkeit – Punkt! Da gibt es keinen Spielraum für lange Diskussionen oder ähnliches.

 

 Die unterschiedlichsten Lebensformen beispielsweise im Dschungel oder in der Savanne kamen blendend miteinander aus, egal ob Pflanzen oder Tiere. Wie faszinierend doch, dass die Etagenbildung im Dschungel oder schon im heimischen Wald in Kooperation miteinander funktionierte und jeder, egal ob er viel oder wenig Licht zum Wachsen und Gedeihen brauchte, existieren konnte und respektiert wurde, einfach weil er da war. Und gelang es an einer Stelle nicht, dann trat eine Entwicklung ein, die ihm ein Überleben ermöglichte, wo auch immer die Bedingungen besser für ihn waren. Aber er bekam diese Gelegenheit und das Recht seines grundsätzlichen Bestehens war nicht infrage zu stellen. War er nicht fähig, sich zu entwickeln, dann war halt Schluss!

 

 In der Tierwelt läuft es ähnlich präzise, wenn auch anders geartet ab. Hin und wieder, eigentlich tagtäglich und andauernd fehlt irgendwo mindestens ein Tier aus der Herde. Zumeist waren es die Jungtiere oder aber alte, vielleicht auch verletzte Tiere oder eines, das nicht achtsam genug gewesen war und jetzt als Nahrung diente für eine andere Gattung. Einer weniger, das war tragisch und doch diente es dem Ganzen, in diesem Fall vielleicht dem Löwenrudel, dem Schakal oder Tiger, der sich eine Gazelle geschnappt hat. Die mächtigen und in ihrer Körpergröße herausragenden Tiere hingegen waren gerne mal Pflanzenfresser. Hat sich mal jemand gefragt, warum das so ist? Bestimmt, dachte Lotta, und doch fand sie diese Grübelei interessant. So war gesichert, dass die Pflanzenwelt ebenfalls „im Zaum gehalten“ wurde und sich regenerieren konnte je nach Periode der Witterungsverhältnisse vielleicht. Ob nun Sommer oder Winter herrschte, was ja bekanntlich von der Umkreisung unseres Planeten um die Sonne abhängig ist. Auch das hat Wirkung und Ursache und alles ist daran angepasst und vollkommen natürlich synchron! Es war stets dafür gesorgt, dass alles im Gleichgewicht, intakt bleiben konnte und die Chance hatte, sich den Bedingungen anzupassen, sich zu entwickeln, um die eigene Lage auf absolut natürliche Art und Weise verbessern oder optimieren zu können. Im Prinzip durch Lernen und dem Sammeln von Erfahrungen zur Sicherung des eigenen Fortbestehens.   

 

 Lotta fand diese gedanklichen Ausflüge äußerst spannend. Denn, wenn man sich mal ein Raubtier mit der Erscheinung eines Elefanten oder einer Giraffe vorstellen würde, könnte das alleine schon von der Menge des benötigten Fleisches zur Sicherstellung des täglichen Bedarfes im Irrsinn enden! War schon bei den Dinosauriern irgendwie so, oder nicht? Die imposantesten von ihnen fraßen Grünzeug und nicht ihre Artgenossen im Sinne von Gattungsvertretern. Daher machte es auch absolut Sinn, dass diese Herden zumeist auf der Wanderschaft und nicht auf feste Reviere fixiert waren. Sie folgten instinktiv ihren Routen immer wiederkehrend, aber verweilten selten länger geschweige denn dauerhaft an ein und demselben Ort. Das hatte nämlich den Effekt, dass sich die Pflanzenwelt erholen konnte, weil die Tiere durch das Abgrasen der Vegetation gezwungen wurden, weiterzuziehen. Es fügte sich, dachte Lotta. Der Löwe an sich, an ein striktes, wenn auch beachtlich großes Gebiet gebunden wiederum fand Abwechslung aufgrund der vorbeiziehenden Beutetiere. Ob Büffel, Gazelle oder Zebra, irgendwann kamen sie alle vorbei und es blieb im Gleichgewicht. Nicht nur eine Rasse oder Art wurde attackiert, sondern heute die, morgen jene und übermorgen war er vielleicht sogar satt für mindestens eine Woche, weil der Büffel so ergiebig gewesen ist! Umgedreht geht es allerdings auch, wenn nix vorbeikommt, das man jagen könnte oder dieses fliehen kann, knurrt der Magen auch weiterhin – Pech für den Löwen, der sich keinen Vorrat anlegen kann … eine solche Option ist bei ihm instinktiv offenbar nicht verankert!

 

 Wie gut, dass der Mensch, um dieses Problem zu lösen, nicht auf die Idee der Massentierhaltung unter fragwürdigen Bedingungen für das einzelne Tier gekommen ist! Die Pflanzenfresser haben es diesbezüglich vermutlich etwas einfacher, weil ihr Appetit nicht von dem Überleben, bzw. dem Tod eines anderen abhängig ist. Wobei die Pflanze an sich auch lebendig ist, aber vermutlich hat sie noch weniger Fähigkeiten, Verstand zu entwickeln oder ein Denkvermögen an den Tag zu legen als ein Tier! Aber auch das ist so nicht ganz richtig. Eine Blume, die Licht zum Gedeihen braucht und die Möglichkeiten hat, ihr Wurzelwerk im Erdreich fest zu verankern, kann hochhinaus wachsen, dahin, wo Licht ist! Bestes Beispiel ein Baum, der uns locker um Jahrhunderte überleben kann. Also Pflanzen leben auch! Aber bei einer eingegangenen Pflanze, einer Hecke, einem Buschwerk oder gar Baum spräche wohl niemand von Mord, würde man sie fällen und auf dem Kompost entsorgen oder im Kamin verbrennen! Verendete Tiere, die wir nicht als Haustier geliebt haben, sondern gerne frisch und noch verdaulich auf unserem Teller haben, essen wir bedenkenlos und gerne. Lotta genauso – mehr noch: die meisten von uns lieben es zu Grillen und sind doch so weit davon entfernt, sich Gedanken über den Mord zu machen, den freundlicherweise ein anderer für uns begangen hat. Lotta würde elendig verhungern, müsste sie den Ursprung ihres Koteletts selbst erledigen! Eine Karotte zu ernten oder Kartoffeln aus der Erde zu fummeln bekäme sie problemlos hin. Insofern kam ihr die Entwicklung schon sehr gelegen! Eine Entwicklung, die sie zwar nicht initiiert hatte, von der sie aber ohne Zweifel profitieren durfte! Ein guter Zeitpunkt, um mal wieder an die Untiefen des Ozeans zu denken und die Hände fest vors Gesicht zu pressen – ja, das musste sie an dieser Stelle uneingeschränkt zugeben!

 

 Da war er wieder, der Intellekt, der uns doch unterscheidet als ein dem Tier übergeordnetes höheres Individuum und damit auch der Natur an sich und ihren Gesetzmäßigkeiten – äußerst heikel! War da der Mensch – war alles hin, buchstäblich alles! Der Mensch an sich ist weder menschlich in vielerlei Hinsicht (wobei man sich über die Definition mal klar werden sollte) noch machte das, was er tat, immer und zwangsläufig auch Sinn. Ganz zu schweigen davon, dass der Mensch offensichtlich nicht Hand in Hand arbeiten konnte, weder was seine Existenz an sich noch seine Aufgabe im Eigentlichen betraf. Wohl eher das Gegenteil schien der Fall zu sein. Nichts war so fragwürdig in seinem Dasein als es letztendlich der Mensch ist und dieser dafür auch noch selbst sorgte, dass er so beschissen dastand!

 

 Das Ganze war schon beängstigend auf eine Art! Das, was uns angeblich von den Tieren und Pflanzen, von allem Lebendigen um uns herum, hervorhebt, müsste der Verstand sein. Das Denkvermögen alleine kann es nicht sein, über das verfügen Tiere ebenfalls. Jedoch in seiner gezielten Nutzung scheint der Mensch eine Alleinstellung, ein Monopol für sich in Anspruch nehmen zu wollen, alles andere weit hinter sich lassend. Jawohl, Lotta wäre noch immer lieber am Meeresgrund versunken, die Hände fest vors Gesicht gepresst! Erbärmlich fand sie die Arroganz des Menschen, seine Habgier als auch seinen Hochmut … da waren zumindest zwei der sogenannten „Todsünden“! Allerdings jetzt auf den Striemel zu kommen und den Glauben heranzuziehen, kam ihr nun gar nicht in den Sinn – wegen weil es machte so wenig Sinn! Alles andere, aber keinesfalls den christlichen Glauben. Von dem sie bei Weitem auch nicht alles kannte, aber das, was ihr vertraut war, dem wollte sie an dieser Stelle nun überhaupt keinen Raum geben – ganz und gar nicht! Viel zu viel Heuchelei und Irrsinn, in der Tat, Irrsinn! Später jedoch ganz sicher …

 

 Wo aber sollte das noch hinführen, wenn man schon am Anfang stehend am liebsten pausenlos den Kopf schütteln und sich verkriechen möchte vor Scham und Trauer als auch Entsetzen und Fassungslosigkeit! Dabei hatte Lotta noch nicht einmal angefangen über den Menschen an sich nachzudenken … würde es aber tun, keine Frage! Nur weil etwas unbequem war, sah sie keinen Grund um das Denken einzustellen! Im Gegenteil, es war erst recht ein Grund weiterzumachen, unbedingt sogar – zumindest für Lotta!

 

 

 

 

 

Definiere „Menschlichkeit“

 

 Okay – dann mal los! Was ist Menschlichkeit denn im eigentlichen Sinne? Vermutlich dem Menschen an sich ganz klar zuzuordnen, also auf  ihn zurückzuführen in gewisser Weise, nur ihm zueigen, oder so … er differenziert sich also ganz eindeutig von den Tieren, die ja bekanntlich weniger Begabungen haben, ihr Gehirn zu nutzen und effizient einzusetzen. Stimmte das so? Lotta war sich nicht ganz so sicher. Tiere können das eine oder andere nämlich auch, was ganz klar dafür spricht, dass sie sehr wohl Eigenschaften wie Wahrnehmungs- als auch Lernfähigkeiten besitzen genau wie der Mensch auch. Die Schwächeren gehen unter und das Starke an sich überlebt. Über ein Sozialverhalten verfügen sie zweifelsohne ebenso. Was also macht den Menschen, bzw. die Menschlichkeit aus? Vielleicht ein bewusstes, überlegtes Umgehen miteinander? Hm – wie auch immer das gemeint sein könnte …

 

 Lotta kratzte sich am Kopf! Schauen wir mal, dachte sie und ließ ihre Gedanken streifen. Die Tiere also, was macht uns besser? Ob nun groß oder klein, Säugetier oder Insekt, es spielte keine Rolle. Sie waren in Herden oder Schwärmen organisiert, lebten als Einzelgänger und trafen sich dann lediglich zur Paarung, um den Artbestand zu erhalten und es gab auch welche, die im Laufe ihres Daseins so einiges an Entwicklung durchlebten, bzw. die Chance dazu haben durften. Das Schwache musste sich stets behaupten und wenn es das nicht konnte ging es unter, wurde im schlimmsten Fall gefressen. Verendete es wo auch immer, blieb es zumeist an Ort und Stelle liegen. Diese Kadaver dienten dann ebenfalls wieder einem anderen Viech, das die Aufgabe der Beseitigung hatte und im Sinne des großen Ganzen vollkommen selbstverständlich erfüllte.

 

 Es muss immer das eine als auch das andere geben. Beispielsweise der Löwe, der gerade seine Beute erlegt hat und sich genüsslich daran zu schaffen machen möchte, kriegt plötzlich und unerwartet „Besuch“ von einem Rudel hungernder Hyänen, die so gar nicht Lust auf eine eigene Jagd haben. In der Gemeinschaft zwicken sie diesen, ohne ihn ernsthaft zu verletzen und gehen ihm buchstäblich solange auf die Nerven, bis er schließlich aufgibt und von der erlegten Beute ablässt, sehr zum Wohle der Hyänen. Die hatten halt Hunger und was soll’s … keine Chance für den König der Savanne! Das ist zwar nicht die Regel, kann aber vorkommen ebenso wie es umgedreht so sein kann, dass ein geschwächtes Löwenrudel davon profitiert, dass die Hyänen ihre Beute bis zur Erschöpfung jagen und diese dann leichtes Spiel haben, ohne sich wirklich anstrengen zu müssen …

 

 Funktioniert das auch beim Menschen? Ich war dann mal grade einkaufen und schiebe meinen Einkaufswagen zum Auto oder nach draußen, um alles einzupacken und plötzlich kommt so ein Haufen Flüchtlinge und zwickt mich solange in die Seiten, bis ich mich entnervt umdrehe und ihnen meinen gesamten Einkauf überlasse. Die hatten halt Hunger, guck ich nach was anderem … nützt ja nix! Müssen ja nicht unbedingt Flüchtlinge sein, Hartz-IV-Empfänger oder verarmte Rentner oder sonstige Personen mit in dieser Situation eindeutig weniger als ich, reicht ja schon.

 

 Lotta lachte – tja, das wäre ja mal spannend und zugleich vollkommen klar, es würde sowas von gar nicht funktionieren! Derjenige, der hat und dem man etwas davon nehmen wollen würde indem man ihn „überredet“, wäre alles andere als einverstanden und würde erzürnt aufschreien, die Polizei holen und es gäbe Krawall mit rechtlichen Konsequenzen. Also wie genau definiert sich nun der Unterschied? Der Mensch würde es als sein Recht betrachten, nichts geben zu müssen, was er nicht geben will. Eben weil er die Fähigkeit besitzt selbst zu entscheiden, ob und wann er wie viel geben möchte. Und wenn nicht, dann eben nicht – Ende! Auch dann, wenn er als einzelner dasteht und weit mehr hat als die 10 oder 15 um hin herum, die gerade nichts haben und Kohldampf schieben genau wie er selbst!

 

 Interessant, dass in der Natur in dieser Situation weder Gewissen noch Denkvermögen oder Rechtfertigungen oder Willen den Ausschlag geben, sondern die erzwungene Einsicht des Löwen, sich in dieser Lage geschlagen zu geben weil er klar unterlegen ist. Er zieht Leine, trottet mit grummelndem Magen von Dannen und wird sich womöglich beim nächsten Mal einen anderen Platz suchen, um seine erlegte Beute zu fressen. Würde man jetzt das Gewissen als eines der Kriterien heranziehen wollen, das uns von der Tierwelt unterscheidet, käme Uriges dabei heraus. Uns wird gelehrt, dass wir nichts nehmen dürfen, was uns nicht gehört. Also jemandem etwas zu entwenden und durch geringen, wenn auch nicht schädigenden so doch nervigen Körpereinsatz einzufordern verbietet uns unser Gewissen, den meisten von uns jedenfalls! Dafür gibt es auch keinerlei Rechtfertigung wie „aber ich hatte doch Hunger“!

 

 Den Hyänen war total egal was sich Gewissen schimpft, die hatten nur einen Gedanken: Hunger! Da Fleisch! Löwe? Egal! Unsers! Magen voll – Diskussion? Nicht wirklich! Ist aus diesem Blickwinkel nicht der gackernde lachende Laut dieser äußerlich fies anmutenden Tiere nicht eine amüsante Laune der Natur? Vielleicht ein bisschen! Das Stärkere gewinnt durch Überzahl in diesem Moment!

 

 Anders bei Tieren in Not. Also in der Steppe beispielsweise, in der Savanne in Afrika.  Lotta dachte an Konstellationen, in denen Tiere gezwungen waren, ihr Revier aus blanker Not zu verlassen, wenn durch einen Blitz in der Trockenzeit die ausgedorrte Landschaft möglicherweise in Brand geriet. Feuer bedroht alle Lebewesen in gleichem Maße und sie alle fliehen vor dem dicken Rauch, der jedwedes Atmen unmöglich macht. Die glühenden, funkensprühenden Schwaden, die alles lichterloh brennend entfachen und zerstören, was je nach Windrichtung sich wider Willen da zur Verfügung stellt. Ob nun Gazelle oder Löwenrudel, Zebra, Giraffe, Elefant oder Vogelvieh, sie werden alle versuchen, zeitgleich in die Richtung zu fliehen, die ihnen Schutz bietet. Meistens folgen die am Boden lebenden Tiere jenen, die hoch oben in der Luft ihre Runden ziehen und deren Fluchtrichtung in einer solchen Situation ausschlaggebend für den Erfolg derselben sein kann. Letztendlich egal, Hauptsache weg hier. Die Fragestellung der Not ist damit geklärt, auch die damit einhergehende Dringlichkeit der Flucht an sich. Beutetier und Jäger fliehen unter Umständen sogar Seite an Seite, ohne einander wirklich zu beachten.  

 

 Bei geschehenen Naturkatastrophen ist auch der Mensch an sich hilfsbereit. Ohne Zweifel hilft man sich länderübergreifend. Im Kriegsfall nicht zwangsläufig und einfach so durchzuführen ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, logisch! Umso mehr macht es Sinn, dass diejenigen fliehen, die unverschuldet betroffen sind! Kann man das so stehen lassen? Lotta war sich sicher, schon oft und immer wieder den Nachrichten entnommen zu haben, dass bei wirklichen Desastern die Menschen aktiv wurden, Hilfsgüter sammelten und das ohne ernsthafte Schwierigkeiten, Transportflüge und Maßnahmen zum Wiederaufbau ergriffen wurden, umgehend und sofort als auch schnell. Da waren sie wieder, jene welchen „Nächstenliebe“ nicht nur ein Wort ohne Bedeutung war! Wenn auch nicht von langer Dauer durchführbar, so aber immerhin in der schlimmsten Phase einer solchen Bedürftigkeit. Kriegsflüchtlinge dagegen, konnten dieses nicht immer und unbedingt bedingungslos erwarten. Rückhaltlos wurden sie selten aufgenommen, auf jeden Fall aber dann nicht mehr, wenn es die Anzahl der angeblich zu tragenden Menge aufzunehmender Flüchtlinge überschritt.  

 

 Warum genau flieht man eigentlich? Weil es woanders besser ist, klar. Weil es woanders sicherer ist … weil woanders das Leben nicht bedroht ist … weil woanders das Überleben nicht infrage gestellt ist …

 

 Ohne Frage ist es in der Natur so, dass die Tiere, die in einem festen Gebiet leben, ihr Revier pflegen und nach einem Brand oder einer Naturkatastrophe bei Beruhigung der Lage genau dorthin zurückkehren müssen. Auch dann, wenn es keine Nahrungsquellen gibt und die Bedingungen zum Überleben der Gruppe nicht gewährleistet, die Not unerträglich ist und früher oder später den Hungertod nach sich ziehen könnte. Revier ist Revier und muss verteidigt werden, das Stärkere gewinnt und das ist unumstößlich. Sich an einem anderen Ort neu niederzulassen und die bisher dort ansässigen Rudel oder Herden zu vertreiben und ihre Heimat streitig zu machen kann nur dem gelingen, der kräftiger ist und sich den Platz erkämpfen kann … ansonsten muss er weichen.

 

 Womit sich die Frage anschließt, sollen die Flüchtlinge nicht nach Beruhigung der äußeren Umstände zurück ins Elend entlassen werden, ohne Chance zum Wiederaufbau? Und da ist sie wieder, die Stimme des Gewissens! Das, was uns doch von den Tieren unterscheidet, irgendwie zumindest … oder sollte man es Barmherzigkeit nennen, Nächstenliebe sogar, ihnen dieses gerade nicht anzutun? Kann man guten Gewissens die Kinder und Frauen, die offensichtlich Schwächsten in der Gesellschaft, dorthin zurückschicken, wo sie keine Grundlage haben, sich eigenständig ein Überleben aufzubauen, das alles dazu Erforderliche in ausreichendem Maße bereitstellt? Verlangt nicht eben unser Gewissen uns ab, in diesem Fall weise zu entscheiden und dafür Sorge zu tragen, dass man niemanden in sein Unglück stürzt und wissentlich dem Untergang weiht? Ist das menschlich? Lotta runzelte die Stirn. Wäre es nicht gütiger, der Sache Zeit zu lassen und erst einmal ohne Eile abzuwarten, welche Chancen sich tatsächlich ergeben und auch sinnhaft sind, indem sie sich auch zum Positiven hin nutzen lassen? Wie verwerflich ist es denn vor diesem Hintergrund, Familien auseinanderzureißen? Die einen dürfen bleiben, die anderen nicht … am besten eigentlich gar keiner, jedoch sind ja die hier Geborenen auch auf eine Art deutsch, oder nicht?

 

 Tiere überlegen so gesehen nicht lange! Wenn der Schwache weichen muss, dann ist das so und wenn er von anderen gefressen wird, weil er eben zu schwach war und damit untergeht, dann ist das eben auch so. Aber wir sind ja keine Tiere! Wir sind Menschen und bestehen ja auch darauf, uns eben von diesen zu unterscheiden … war das so richtig wiedergegeben? Lotta glaubte schon! Vielleicht, dachte sie sich, ist das zu einfach ausgedrückt! Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe …

 

 Was außer dem Gewissen unterscheidet uns denn noch von den Tieren? Weisheit vielleicht, oder die Fähigkeit des vorausschauenden Denkens, bzw. die Möglichkeit, jede Eventualität mit in Betracht zu ziehen und aus der Zusammenschau aller Komponenten dann eine Entscheidung zu treffen! Wäre das dann „menschlich“?

 

 Mit anderen Worten: Wenn ich dieses oder jenes mache, dann könnte das passieren … oder aber das … und ach nein, das wäre aber blöde, wenn das geschähe … weil, das will ich auf keinen Fall … hm, dann mache ich es lieber doch anders … weil, dann käme wahrscheinlich das dabei raus … und ja … ja, das würde mir gefallen … wäre mein Ziel … so halt!