Wer ist das Ganze eigentlich Schuld?

 

 Eine Grundlage dessen, dass Macht in ihrem ureigensten Sinne erfolgreich sein kann, ist, dass man halt die Mehrheit beschäftigt und auf diese Weise zum Schweigen verdammt! Wer also keine Zeit zum Nachdenken hat und sich ständig auf das konzentrieren muss, was ihn am Leben erhält, der kann sich nicht auflehnen – oder so! Weshalb sich auch der immer weiter klaffende Spalt zwischen Arm und Reich als äußerst effektiv erweist und hilfreich unterstützt, was, mit dem Herzen gesprochen, außer Verachtung seinem Nächsten gegenüber nichts darzustellen vermag. Um mit einer solchen Entschiedenheit den eigenen Standpunkt und damit die Gewinnsucht als auch ausufernde Habgier vehement rechtfertigen zu können, bedarf es der Sicherheit, dass eine Gegenwehr gänzlich ausgeschlossen ist, wo so etwas wie Schadensbegrenzung als „Plan B“ inklusive ist und diese im Zweifelsfall in Kraft zu treten hat! Manchmal hilft auch einfach aussitzen und hartnäckig den Augenblick abpassen, an dem sich die Wogen wieder glätten, denn das tun sie – tun sie ganz sicher!

 

 Lotta musste da noch mal genauer drüber nachdenken. War es so einfach? Hm – sicherlich kann ich mich stark fühlen, umgebe ich mich ausschließlich mit Schwächerem. Aber geht es genau da nicht schon los? Liegt nicht eben darin schon die Wurzel allen Übels begründet? Eine höhere Bildung alleine reicht ja bekanntlich sowas von gar nicht aus, um sich überlegen fühlen zu dürfen, auch wenn manch einer das nicht wahrhaben will! Ein studierter Mensch mit Dr.-Titel ist nicht zwangsläufig dem Straßenbauarbeiter oder Müllmann, Abfallentsorgungsmitarbeiter – keine Ahnung wie sich diese nennen, überlegen. Vielleicht hat er auf ein spezifisches Fachgebiet bezogen mehr Wissen, gut – aber das alleine macht ihn nicht zu einem besseren Menschen – Punkt! Macht ihn weder wertvoller noch wichtiger für die Gesellschaft. Fachchinesisch zu palavern und die eigenen Untergeben wie Halbwertmenschen zu behandeln gleichzeitig womöglich noch auf die Mülltrennung zu sch**ßen, platt formuliert, ist nicht das, was erstrebenswert sein sollte.

 

 Unbestritten ist die beachtliche Relevanz der Empathie. Wir sehen die Konsequenzen, wenn diese gänzlich verloren gegangen ist jeden Tag wieder, sowohl im Großen als auch im Kleinen, direkt bei uns vor der Tür! Putzen wir also unsere Brillengläser und schauen mal hin, dachte Lotta …

 

 Kann man sagen, dass Menschen nur dann anderen keinen Schaden zufügen, wenn sie selbst um die Auswirkungen wissen? Will sagen, weiß ich genau, wie sich was auch immer anfühlt, dann bin ich nicht bereit, einem mir bekannten oder auch fernen Menschen dieses anzutun und weil ich eben das genau weiß, kann ich ihm nachfühlen und habe eventuell eher das Bedürfnis, meine Hand zu reichen als wenn ich es eben nicht wüsste – so in etwa richtig?

 

 Das mag bei allen Sachen, die sich in welcher Form auch immer negativ auf uns auswirken, funktionieren und die trotz allem allerdings nicht selten mit erbärmlicher Verdrehung gehandhabt werden. Es gibt halt auch jene, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn man am Boden liegt und die alles dafür tun, dass es anderen ebenfalls beschissen geht frei nach dem Motto „warum soll es anderen gut gehen, wenn es mir schlecht geht – sehe ich nicht ein!“ Dieses jedoch betrifft wohl eher emotionale Verletzungen. Wenn wir also uns fallengelassen fühlen, eine Liebe ziehen lassen müssen, weil wir bitterlich enttäuscht worden sind oder aber jemand uns direkt etwas angetan hat und infolgedessen wir uns zu verteidigen oder auszuteilen glauben, weil es eben zu Unrecht war. Vielleicht auch, wenn wer unser Vertrauen gänzlich und mit voller Absicht missbrauchte oder wir nur „Opfer“ waren, uns für lange Zeit nicht zu wehren wussten und nun dementsprechend um uns schlagen mangels alternativer Optionen. Wer in Kindertagen keine Liebe erfahren hat und wem damit auf schändlichste Weise, wie man ja schon sagen muss, das sogenannte Urvertrauen geraubt wurde, der hat es deutlich schwerer, soziale Kompetenz zu erlangen. Sich dessen bewusst und abermals sich benachteiligt fühlend, kann der eine oder andere durchaus auf die Idee kommen, hemmungslos alles niederzuwalzen, was ihm gefragt oder ungefragt in die Quere kommt!

 

 Wobei Lotta unumwunden einräumen musste, dass sie diese „Ausrede“ wegen weil „ich hatte eine schlechte Kindheit“ nicht gelten ließ. Sicherlich kann der eine oder andere nichts dafür, dass er von sich aus keinen anderen Weg erkennt. Hier wären eben jene so wichtig, von denen er lernen kann, die bereit sind, es ihm zu zeigen. Mal zurück an die Familienverbände erinnert, die wir aus der Natur kennen, wo eben Herden oder Clans als auch alleinstehende Mütter ihrem Nachwuchs alles das mitgeben als auch vorleben, was diese brauchen, um auf ihr Überleben vorbereitet zu sein. Klappt dieses nicht, werden sie mit Pauken und Trompeten untergehen, früher oder später. Was sie nicht müssen, ist erbärmlich zu leiden wie wir Menschen.

 

 Von daher ist als unbestritten anzusehen, dass wir unseren Kindern nichts Wichtigeres mitzugeben haben, als diese auf die Welt da draußen vorzubereiten! Sich dieser Aufgabe zu entziehen, aus welchen Gründen auch immer, darf keine Option sein und dieses gilt in beide Richtungen. Vernachlässigung ist ebenso schädlich wie es ein Überbehüten darstellt. Wenn ich mein Kind nicht auf Enttäuschungen oder Niederlagen vorbereite, die es zwangsläufig durchleben wird und muss und ihm währenddessen beistehe, um seine eigenen Grenzen aber auch Fähigkeiten entdecken zu können, dann ist es nicht überlebenstauglich. Man kann nur sein Kind auf die Welt da draußen vorbereiten und nicht umgedreht. Niemand erwartet dieses für mich so besondere Kind mit jenem roten Teppich, wie ich es tue – das muss klar sein!

 

 Übrig bleiben die nicht in Worte zu fassenden Fehler, die unterlaufen können aus noch so ehrbaren Gründen heraus. Ein teilweise irreparabler Schaden wird nicht geringfügiger, weil man das Falsche aus den unter Umständen richtigen Gründen heraus getan hat. Das ist wirklich eine heiße Kiste, musste Lotta klar und deutlich sagen. Herrje – und alles das führte dazu, dass dieses ganze Ding mit der Menschlichkeit kaum zu überwindende Brücken schon im Vorfeld einreißen konnte. Wie, fragte sie sich, soll man da je wieder rauskommen?

 

 Cool wäre doch, was den Umgang miteinander betrifft, würde man sich so verhalten, wie man selbst behandelt werden möchte und tut man dieses aus welchen Gründen auch immer nicht, gäbe es umgehend eine Konsequenz, die spürbar ist, die nicht zu leugnen oder zu ignorieren wäre. Vielleicht so eine Art „Benimm-Barometer“, das immer unverzüglich ausschlägt, wenn du unhöflich oder die Würde eines anderen missachtend bist. Ein „Verhaltens-Navigationsgerät“, welches sich unüberhörbar dann zu Wort meldet, baust du Mist! Das dann nicht sagen würde „bitte bei der nächsten Gelegenheit rechts abbiegen“, sondern „du gehst jetzt auf der Stelle zurück und entschuldigst dich bei der Kassiererin, weil die kann nichts für deine schlechte Laune“. Dieses müsste dann so konzipiert sein, dass es keinen Ausschaltknopf besitzt und als kleine Platine im Handgelenk oder besser noch direkt hinter der Ohrmuschel eingepflanzt wird, sich automatisch durch deine Bewegung auflädt und daher nicht ausfallen kann. Um Menschen vor Bloßstellung zu bewahren müsste ebenso verhindert sein, dass alle neben dir Stehenden davon erfahren, weil sie mithören können! Es geht ja nicht darum, Menschen an den Pranger zu stellen.

 

 Eine Steigerung des Ganzen wäre dann, wenn du nicht gehorchst, dass du, schwupp und weg – ohne es beeinflussen zu können und vollkommen unvorhersehbar, die Rolle mit eben jenem tauschst, den du vor einer Sekunde noch beleidigt, angegriffen oder entwertet hast. Eine Zwangs-Empathie quasi. In Lottas Kopf fingen die Gedanken an, auf Hochtouren zu laufen…

 

 Der arrogante Pinsel, der sich benimmt als wäre er seine Majestät höchstpersönlich und der sich weder zu einem freundlichen „Guten Morgen“ noch einem „Dankeschön“ berufen fühlt, würde rein hypothetisch in eben dem Moment, wo er seine Impertinenz in aller Deutlichkeit heraushängen lässt in die Ansicht seines Gegenübers gebeamt werden und müsste nun urplötzlich und ganz ohne Vorwarnung mit dessen emotionaler Lage auskommen … Der reiche Schnösel, ihr wisst schon, der mit dem goldenen Löffel in der Schnute, dessen eingebaute Vorfahrt im Straßenverkehr ihm jeden Weg freiräumt und der sich mit sowas wie dem allgemeinen Volk nicht wirklich abgibt, stolpert mit nicht zu verachtendem Champagnergenuss des Nachts nach der Premierenvorstellung aus dem Theater, seinen Chauffeur verpassend und landet dann geflissentlich neben einem Obdachlosen, der auf einem Karton hockend nur seine völlig durchnässte Hand, verdreckt und mit deutlich sichtbaren Verunreinigungen der Haut, bettelnd hinhalten kann. Ein angewidertes Geräusch mit gerümpfter Nase verbunden mit einer womöglich beleidigenden Äußerung über „das Dreckspack“ wäre eine denkbare Reaktion. Aber nun, kaum ausgesprochen, wären die Rollen dahingehend verkehrt, dass er sich frierend, mit zitterndem als auch schmerzendem Leib auf dem nassen Straßenboden wiederfindet, jeglicher Sprache beraubt … oder muss man tatsächlich Extreme wählen?

 

 Extreme, wie die Flüchtlinge vielleicht? „Wenn du heutzutage was gegen Flüchtlinge sagst, bist du gleich ein Nazi?“ Nee, nix schwupp – du bist plötzlich ein Nazi, der Mühe nicht wert wegen viel zu geistig beschränkt! Du bist ein Flüchtling, natürlich bist du das und zwar umgehend! Du hockst gefühlt schon seit Wochen, jeglichem Zeitgefühl entrissen, dicht an dicht auf einem Schlauchboot mitten in den teilweise bedrohlich schwankenden Wellen, deren Ende nicht abzusehen ist. Wann du das letzte Mal deine Beine strecken konntest, weißt du nicht. Ob deine Muskeln überhaupt noch fähig sind, ihren Dienst zu tun – keine Ahnung! Du stinkst nach Schweiß genau wie alle anderen und der Geruch von Exkrementen, die in ihrer Notlage nicht ordnungsgemäß verrichtet werden konnten, liegt in der Luft. Die Lippen völlig aufgerissen, blutend vielleicht und im Mund eine angeschwollene Zunge, die jegliches Schlucken erschwert. Im Innern tiefster Verzweiflung ausgesetzt sowie gnadenloser Angst. Du weißt nicht ob das, was vor dir liegt schlimmer wird als das, vor dem du mit ausschließlich dem was du am Leib trägst geflohen bist. Menschen um dich, die still und leise weinen, wo die Tränen einfach laufen; Augen, die stumpfsinnig vor sich hinstarren, völlig der Welt entrückt; Babys, die vorhin noch gejammert haben sind plötzlich schweigsam, eigentlich sogar so ruhig, dass sie sogar aufgehört haben, sich zu bewegen. Du weißt weder, wann du das letzte Mal etwas gegessen hast noch ob du jemals wieder in eine frische Frucht wirst beißen können. Ob du die Menschen, die du liebst und von klein auf kennst, jemals wiedersehen wirst, weißt du auch nicht. Du bist innerlich so leer, dass du schon weit über den Punkt hinaus bist, an dem du noch durcheinander oder verwirrt sein kannst. Erdulden und einfach abzuwarten, wann dich und die anderen jemand findet, ist das Einzige, was du noch tun kannst in der Hoffnung, dass dir wer mit einem ehrlichen Herzen hilft! Das, was du tatsächlich noch hast, ist, dass dein Körper noch lebt, du atmest noch – so gerade eben, aber wie lange noch, keine Ahnung … du weißt, dass du dem Tode deutlich näher bist als dem Leben und der Punkt, an dem du leben wolltest, scheint weit hinter dir zu liegen … du wirst beten, zu wem auch immer voller lähmender Panik, die dir die Luft zum Atmen abschnürt … und das nicht erst seit gestern …

 

 Ist es wirklich nötig, so deutlich werden zu müssen? Lotta musste ohne Zweifel an dieser Stelle tief durchatmen. Sie dachte an all diejenigen, die sich mit ihren Schiffen und Kuttern oder was auch immer aufgemacht hatten, um all jene einzusammeln, die auf eben diese Hilfe angewiesen waren … die ebenfalls im Stich gelassen wurden … bis heute sogar werden, da sie wegen politischer Entscheidungen mit ernsthaften strafrechtlichen Folgen zu rechnen haben. Kann doch nicht wahr sein! Lotta konnte nichts weiter tun, als sich demütig vor so viel vollkommen uneigennützig gelebter Nächstenliebe tief zu verneigen – Punkt!  Man sollte diesen Menschen einen Orden verleihen, auch wenn sie das nicht aus solchen Beweggründen heraus tun, sondern der Ehre wegen, des Pflichtbewusstseins wegen, des Entsetzens ob diesen offensichtlich menschenverachtenden Verhaltens! Den Mumm an den Tag zu legen und sich mit allem, was man hat, dagegen zu stellen hat Hochachtung verdient und sollte doch dringlichst dazu veranlassen, sich hinter diese Menschen zu stellen und zwar im Sinne der Menschlichkeit!

 

 Dann fielen ihr die anderen, die moralischen Nieten ein – die ethischen Taugenichtse dieser westlichen Welt! Jene beispielsweise, die es zu verantworten hatten, dass unser Plastikmüll tausende Kilometer weit von uns entfernt, als „Spielplatz und Behausung“ für die Ärmsten der Armen dienen musste. Diejenigen, die diese Entscheidung im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte getroffen, organisiert und geplant hatten; die entsprechend notwendige Frachtpapiere ausgestellt und den Dingen ihren Lauf  haben nehmen lassen. Dieser jemand nun würde im selben Moment, in dem er einen solchen Beschluss allen Ernstes durchsetzt, ob der Verwerflichkeit wissend, sich selbst auf eben diesem Müllberg wiederfinden. Er müsste ohne Atemmaske die abscheulichen Dämpfe und Aussonderungen einatmen und mit bloßen Füßen über die scharfen Kanten hinweg laufen. Und da es sich nicht um einen kleinen Berg handelt, wäre ein Entkommen aus diesem Elend nicht erkennbar, er wäre gezwungen, es zu ertragen und zwar bedingungslos. Nicht anders derjenige, der Brunnen baut in Ländern, die so unter Wassernot leiden, dass sie kilometerweit durch Sand und in unerträglicher Hitze dafür laufen müssen. Schwupps und weg – im selben Moment.  

 

 So richtig Sinn machte das Ganze aber erst dann, wenn man diesen davon gebeamten Seelen erst einen Rückweg gewähren kann, nachdem sie gebeutelt sind. Also ein vorübergehendes „Tauschen“ der Sicht der Dinge oder der Lebensumstände mit dem Wissen, in zwei Wochen oder so ist die Schose ohnehin wieder um und ich kann da weitermachen, wo ich aufgehört habe, funktioniert nicht. Nach erwiesener Einsicht und Erkenntnis, bei Nachweis einer Korrektur des deutlich fehlgeleiteten Verhaltens erst ist ein Rückversetzen machbar … und zwar nur dann! Wahrscheinlich wäre jedoch, dass, Kollision voraus, es zunächst einmal ein erhebliches hin und her Switchen geben würde … denn miese Charaktere gibt es überall, quasi an jeder Straßenecke … dem menschlichen Übel sind da leider so gar keine Grenzen gesetzt!  

 

 Was aber das eigentlich wirklich dramatische an dem Gedankenspiel war, fand Lotta, ist der Umstand, dass wir über ein ebensolches „Benimm-Barometer“ oder „Verhaltens-Navigationsgerät“ verfügen. Wir haben es natürlich gegeben in uns – nennt sich Gewissen! Oder auch innere Stimme … der eine oder andere würde auch „Instinkt“ sagen … wir haben es und sind sowas von fit darin, dieses auszublenden, zu missachten und definitiv zu ignorieren. Ersetzt durch Habgier, getragen vom Neid, vielleicht auch durch Stolz und Eitelkeit gelenkt, nicht ohne Selbstsucht oder Genusssucht durchzuführen … da waren sie wieder, die sogenannten Todsünden und gleich mehrere von der Sorte! Gruselig, ohne Frage!

 

 Was also ist passiert, dass wir geworden sind, was wir sind? Warum ist es hier und da wem möglich, sein Gewissen total auszublenden und mit einem boshaften Grinsen im Gesicht offenkundig verabscheuungswürdige als auch verwerfliche Dinge in die Tat umzusetzen? Wo sind sowas wie Skrupel oder Hemmungen, wo sind die Schuldgefühle hin? Von Reue oder Scham ganz zu schweigen … Wie konnte es dazu kommen, dass wir glauben gezwungen zu sein, klein beigeben zu müssen? Taumeln wir nur deswegen durch unseren Alltag, weil wir der Annahme erlegen sind, nichts zu melden zu haben … weil wir eh nix ändern können? Also passen wir uns an und kapitulieren vor unserer eigenen inneren Stimme, weil es einfach sinnvoller zu sein scheint, sein Gewissen konsequent auszublenden! Es zu viel Kraft kostet, sich dagegen aufzulehnen und wir einen drauf kriegen, machen wir auch nur Anstalten uns zu widersetzen … so in der Art? War das so in etwa passend ausgedrückt? Lotta war irritiert, in gewisser Weise sogar entsetzt!

 

 Kann man das tatsächlich als ultimative Grundlage ansehen, dass wir verlernt haben unsere Stimme zu erheben? War uns das überhaupt jemals möglich? Wurden wir, das einfache Volk, nicht immer schon distanziert von den „oberen Zehntausend“ angesehen und daran erinnert, wo unser Platz ist? Hat es nicht immer schon, historisch betrachtet, Despoten gegeben, die an Größenwahn litten und um sich herum ausgerechnet jene geschart haben, die fähig waren, wortgewandt und äußerst geschickt die Massen zu lenken und damit zu steuern? Die entschieden haben, was publik werden durfte und was nicht … welcher Standpunkt der richtige war und wann wer für seine Meinung hinter Gittern zu landen hatte? Wurden wir nicht immer schon, zumindest aber doch seit Jahrhunderten in etwas verankert, das Gehorsam und Unterordnung an bestimmte Dogmen verlangte?  Durchgesetzt mit Gewalt, wenn nötig …

 

 In mancher Hinsicht hat unser Glauben uns gesteuert und nachhaltig beeinflusst. Wir sind über Hunderte von Jahren dem ausgesetzt, was halt das Sagen hatte. Und seien wir ehrlich, hier bei uns, in diesem Teil der Welt, hat das Christentum uneingeschränkt eine lange Tradition und diese ist, immer noch mit aufrichtigem Blick schauend, mit vehementer Machtausübung durchgedrückt worden. Zum umfassenden Vorteil mag da gereicht haben, dass in den großen Glaubensrichtungen ein eigenes Denkvermögen nicht gerade unterstützt wird – und das ist noch „nett“ formuliert. Und das auch nur deswegen, weil nicht in heutiger Zeit die Statuten erfunden worden sind, sondern die Richtung, in die es gehen sollte, über  Jahrhunderte gewachsen ist und es unsinnig wäre, den derzeitigen Würdenträgern das anzulasten, was sich für deren Institution über so lange Zeit als richtig und effektiv erwiesen hat.

 

 Wobei Lotta die Ansicht vertrat, gerade in Berufung auf die sogenannten „Todsünden“, dass es nicht zielführend war, alles in seiner Gesamtheit infrage zu stellen oder das, wofür die Religionen an sich eintraten! Sie gab lediglich zu bedenken, dass Ursache und Wirkung von Unterdrückung halt Folgen hat und stets mit Machtausübung einhergehen muss, ansonsten wäre eine solche Entwicklung nicht möglich. Menschen, die sich widersetzen, muss die Stimme genommen werden, damit man erfolgreich bleibt.

 

 Gerade deswegen konnte sie nicht umhin mal in den Raum zu stellen, sich selbst ohne falsche Scheu dahingehend zu fragen, wie sehr man eben von diesen Dingen geprägt wurde und daher unterbunden war, sich seiner eigenen Stimme und auch dem Glauben an die eigenen Kräfte bewusst zu werden – was zweifellos dazu beigetragen hat oder aber zumindest ein Einfluss nehmendes Kriterium dafür ist, dass wir eigentlich in Dauerschleife die Klappen halten als auch den Kopf gesenkt tragen! 

 

 Wer also ist es Schuld? Geht es uns besser, wenn wir wen finden, dem wir das alles in die Schuhe schieben können? Vielleicht – ehrlicherweise vermutlich aber nicht, ist doch ein jeder für sein Tun und Handeln selbst verantwortlich, auch und gerade dann, wenn er sein persönliches Glück in Form von Bereicherung auf dem Elend von anderen verankert! Das Ausmaß dabei ist unwesentlich … allein, dass man so etwas tut, ist schon verwerflich genug!

 

 

 

 

Kausalität oder sowas in der Art

 

 Irgendwo muss es doch herkommen, dieses ganze Chaos! Die Religionen und das nicht zu fassende gesellschaftliche Scheitern im Kollektiv haben so etwas wie ein Hintertürchen oder eine alles rettende Option im Falle des Versagens außer Acht gelassen. Es gibt nichts, das eine ernsthafte Veranlassung zur Umkehr oder Abwendung vom offensichtlich sittenwidrigem als auch moralisch höchst verwerflichem Tun und Handeln ins Rollen bringen würde. Mehr noch, man könnte auf die Idee kommen, dass es im Bewusstsein des definitiven Holzweges, auf dem man sich befindet, ein Sport geworden ist, alles und jedes abzustreiten, bzw. zu deckeln!

 

 Überall dort, wo es Menschen gibt, die ihre eigene Position als höhergestellt betrachten, sind sie auch bereit, selbige je nach zur Verfügung stehenden Mitteln bedingungslos zu behaupten. In Ausübung eben dieser Stellung begehen sie dann bewusst und mit voller Absicht gravierende Fehler und wähnen sich ob ihrer Vormachtstellung sicher. Um Unvermögen zu vertuschen und geheim zu halten stülpen sie einen Deckel drüber, schweigen oder leugnen, lassen sie Hinweise verschwinden oder verbuddeln die uns allen bekannten „Leichen im Keller“! Darauf hingewiesen, bzw. erwischt weil irgendwer dennoch Nachforschungen angestellt hat oder sich schlicht und ergreifend dem ganzen Mummenschanz entgegenstellt, ist man lediglich darauf fixiert, nach Verfehlungen des sich zu Wort meldenden, des vermeintlichen Gegners zu suchen und diesen zu demontieren. Aufgeflogen – na und? Was wollt ihr denn schon dagegen tun? Merkt ihr selbst, dass ihr Null Chance habt … also Schwamm drüber, die Wogen glätten sich und bald habt ihr es sowieso vergessen – gelangweilt grinsend kann man den Dingen ihren Lauf lassen, in voller Auslebung dessen, was weder moralischen Werten noch ethischen Statuten standhält!

 

 Es gibt durchaus Situationen, in denen man aus Mangel an Rückgrat oder vielleicht Unwissenheit, Täuschung oder Manipulation heraus dumm genug war, etwas nicht zu verhindern oder blind vertrauend zuzulassen, dessen man sich im Nachhinein schämt und deswegen nie wieder erwähnt wissen möchte. Dieses ist all denen zu verzeihen, die nachfolgend ihr Verhalten an die zweifelsohne bittere Lektion angepasst haben. Niemand von uns ist fehlerfrei, aber wir alle sind lernfähig. Im Grunde unseres Herzens sind wir das, wir haben schließlich so etwas wie das berühmte Denkvermögen, welches uns doch von den Tieren unterscheidet sowie ein Gewissen als auch ein unverfälschtes Verständnis von richtig und falsch. Normalerweise zumindest haben wir das, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt, ist es dennoch vorhanden und steht uns zur Verfügung!

 

 Dass alles, was wir tun, dennoch in irgendeiner Form hochgerechnet und eines Tages eine Rechenschaft einfordert, glauben zumindest die christlich verankerten Seelen oder auch jene, die in der Antike Münzen brauchten, um den Obolus an den Fährmann Charon begleichen zu können, damit sie den Fluss Styx überqueren und in das Totenreich Hades gelangen konnten.  Damals dachte man nämlich, dass man dort so oder so landet. Später änderte es sich dann mit Aufwertung oder aber Vernichtung aufgrund deines Handelns zu Lebzeiten. Warst du achtsam oder nicht und hast zum Erzürnen der Götter beigetragen? Das wurde dann auf einer Wiese im Hades durch die Totenrichter entschieden. Nicht zu vergessen der Engel Uriel, von dem sich wohl die eine oder andere lebende Seele einen Beistand erhofft beim Hinübertreten ins Reich der Toten, der so etwas wie eine Auflistung aller guten wie schlechten Taten eines Menschen besitzen soll. Auf dem Weg zum bekanntlich jüngstem Gericht nun wird dann die Waage gehalten, war das so richtig(?), ob jemand nun redlich genug war, um an die Himmelspforten klopfen zu dürfen oder ihm die ewige Verdammnis auferlegt werden würde! Der Gedanke, dass man irgendwann gnadenlos zur Verantwortung gezogen wird für das, was man getan hat, besteht demnach schon seit vielen Jahrhunderten, war desgleichen in der Antike schon vorhanden.  

 

 Um diesem ganzen Kram zu entgehen, stünde es jenen menschenverachtenden Charakteren wohl gut zu Gesicht, sich als Atheisten zu betrachten und damit alles möglicherweise aufkeimende Gewissen schon im Vorfeld zu ersticken! Fürchte ich keine Strafe oder mich anders benachteiligende Konsequenzen, kann ich tun und lassen was ich will, dachte Lotta kopfschüttelnd. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Sich selbst allen anderen als übergeordnet zu betrachten, schreit ja förmlich nach Sturz.

 

 Nicht selten kommt es vor, dass Menschen ihre mühsam erlangte Position durch Dämlichkeit aufs Spiel setzen, durch vermeidbare Fehler wie zum Beispiel betrunken Auto zu fahren oder auch weil man abgeschrieben hat und aufgeflogen ist. Respekt verdienen allerdings dann wiederum jene, die den Schneid besitzen, offen dafür einzustehen, ohne Wenn und Aber, vor allem jedoch ohne fadenscheinige Ausreden vorzuschieben, und die auf diese Weise Rückgrat zeigen. Solche Leute gibt es und die brauchen wir auch! Alle anderen, die sich davonmachen, wenn der Boden unter den Füßen einzubrechen droht, weil sie zwar bewusst Mist gebaut haben, aber total verwirrt reagieren, wenn sie auffliegen, entlockten Lotta lediglich ein müdes Lächeln. Als wäre es ein Verbrechen, dass wer hinter die Fassade geschaut und dem deutlichen Vortäuschen falscher Tatsachen ein Ende bereitet hat, Frechheit aber auch! Wer so etwas tut und davon ausgeht, alle anderen sind ohnehin zu blöde um dahinterzukommen, dem sei ein Sturz in eben diese Richtung in gewisser Weise ob seines Hochmutes gegönnt – ist er doch selbst verantwortlich dafür … hat ihn schließlich niemand dazu gezwungen!  

 

 Für manch einen mag vor diesem Hintergrund der Vorgang des Beichtens nicht uninteressant sein, gerade weil er eine nicht zu verachtende Alternative bot – eine Nebentür quasi, durch die man Absolution erteilt bekommen konnte indem man Buße tat. Erinnert ein bisschen an die Ablassbriefe, oder wie hießen die noch gleich? Die, wo man im Mittelalter für gezahlt hat und demnach frei von Schuld einfach mal widerwärtig sein konnte, ganz ohne Angst vor Konsequenzen. Ein Hoch auf denjenigen, der stets einen Lederbeutel voller Goldmünzen bei sich trug. Alle anderen waren halt dumm dran und mussten tatsächlich lieb sein! Nicht zwangsläufig inbegriffen war jedoch eine auf Reue und Schuldbewusstsein, Schamgefühl und Selbsterkenntnis beruhende Abschwörung von kirchlich verankertem, verwerflichem Begehren wie zum Beispiel Habgier und dergleichen!

 

 Das fortwährend bestehende System, nachdem der eine oder auch andere Konzern funktioniert, beruht nun mal auf dem unabdingbaren Streben nach Profit und Rentabilität – nix anderes als Habgier! Sonderbarerweise sind sie damit erstaunlich stabil aufgestellt, auch wenn uns eben dieses (ethisch betrachtet) außerordentlich dabei im Weg steht, einen menschlichen Umgang untereinander zu gewährleisten. Dort zählen ausschließlich Zahlen begleitet von vielen Nullen vor dem Komma, schwarz vorzugsweise und das innerhalb eines festgesetzten Zeitraumes und dieser am Besten noch gestern in die Tat umgesetzt. Die Lehre von Tugend als auch Sittlichkeit sind in diesen Positionen der Führungsebenen vollständig heraus gedrängt. Mehr noch, dachte Lotta, eigentlich sogar sind einige dieser Riege dem Irrglauben verfallen, zügig erwirtschaftete Erträge seien es wert vom menschlichen Wohlwollen abzusehen. Die Schnelllebigkeit fordere diesen Tribut auf Kosten dessen, was durchaus verzichtbar sei. Der auf diese Weise auferlegte Druck sowie die damit einhergehende Erwartungshaltung wird folglich von oben nach unten weitergereicht und entweder hältst du dem stand oder gehst halt vor die Hunde! Die Prozedur des Austauschbaren ist hier vermutlich ein übliches Verfahren, kannst du den Anforderungen nicht gerecht werden, lässt sich ruckzuck wer finden, der es kann! Die immer wieder zum Vorschein kommende Habgier, der Stolz, der gnadenlose Konkurrenzkampf um die Vormachtstellung, die Missgunst, weil wer anders eventuell mehr hat, Besseres bietet und damit auch noch deutlich mehr Gewinne in wesentlich kürzerer Zeit eingefahren hat oder aber die Genusssucht, die Eitelkeit … herrje, da ist man so bald nicht fertig! Da war so gar kein Gedanke daran zu verschwenden, ob irgendwer von denen da „oben“ etwas mit „Konsequenzen für das eigene Tun und Handeln“ am Hut hatte … Es war scheinbar total schnurz, welche Auswirkungen sich für andere daraus erwachsen konnten, so etwas wie ein Verantwortungsbewusstsein schien ausgelöscht – zumindest nicht, solange es einem finanziell dabei gut geht und man sich sicher wähnt!  

 

 In der Not mag einem plötzlich längst vergessenes wieder in den Sinn kommen. Gerne mal nach einem unerwartet, nicht zu kalkulierendem Unglück vielleicht, einer Krankheit, die dir alles nimmt, was sich nicht mit Statistiken oder Tabellen steuern oder lenken lässt. Denkbar auch, dass es jemanden trifft, der dir am Herzen liegt oder nahe steht. Früher oder später ist es auf jeden Fall wahrscheinlich, dass du dich auf einer zuvor total in Vergessenheit geratenen Ebene wiederfindest und all dein bisheriges Tun und Handeln, deine Erfahrungen und dein dir angeeignetes Verhalten dir so gar nichts nützen werden wegen völlig falsche Abteilung!

 

 Wenn du unerwartet hilflos dastehst und Grenzen anerkennen musst, von denen du nicht mehr wusstest, dass es sie gibt, fühlst du dich wieder klein. Und auf einmal kommt das eine oder andere aus längst vergangenen Tagen wieder hervor. Das, was einem beigebracht wurde als man noch klein war oder man mehrfach eingetrichtert bekommen hat. Es drängt sich auf und kann nicht mehr einfach so fortgeschoben werden, schon gar nicht in Zeiten der Not. Wenn das Schicksal anklopft und ein Innehalten in Form von sofortigem „auf-die-Bremse-latschen“ fordert, sodass einem nichts anderes übrig bleibt, in Anbetracht der Vergänglichkeit unseres Daseins, alles infrage zu stellen, was bis dato offensichtlich unantastbare Gültigkeit im jeweiligen Leben gehabt hat. Den Tod vor Augen werden wir alle auf einmal ganz klein und uns unserer Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein bewusst. Der in keinster Weise zu beeinflussenden Macht, die wir bedingungslos anzuerkennen gezwungen sind. Sie erwischt den einen oder anderen von uns kalt im Nacken und liefert uns aus. Vor diesem Hintergrund ist unter Umständen ein Reflektieren über das, was war, was man zurücklässt mit dem zu vereinbaren, was eine Hochrechnung der eigenen guten als auch schlechten Taten mit sich bringen mag. Möglicherwiese ist das der Moment, wo das uns allen bekannte „Himmel-oder-Hölle“-Ding wieder ins Spiel kommt. Auch wenn das außerhalb von Lottas Verständnis lag, wie sie unumwunden eingestehen musste.

 

 Im Grunde war es doch gar nicht so schwer, wie sie fand. Was mit unserer Seele geschieht, wenn unser Körper uns unseren Dienst versagt, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen. Dennoch steht völlig außer Frage, dass sich die Menschen an dich erinnern werden. Wie viele Menschen es sind, die du mit deinem Wesen berühren konntest oder denen du wohlgesonnen warst, die dir dieses eben weil du warst, wer du warst, immer anerkennen werden, liegt in deinem eigenen Tun und Handeln begründet und zwar unantastbarer als alles andere sonst es jemals könnte! So beständig wie sich explizit vor diesem Hintergrund dein selbst initiiertes Agieren während deines Lebens als auch deine Achtung allem anderen gegenüber geäußert hat, ist nichts sonst auf dieser Welt … wie offen und ehrlich du dein großes oder halt vermindert ausgelebtes Herz zum Ausdruck gebracht hast, liegt in deinen eigenen Händen! Das allein besitzt die „Macht“ mit Nachhaltigkeit als auch Unverfälschtheit das zu belegen, was oder wer du warst! Und genau daran werden sie sich erinnern – Punkt!

 

 Je mehr Seelen sich an dich liebevoll erinnern und dein Andenken mit Würde wahren, umso himmlischer mag es sich womöglich anfühlen. Wenn sie also gerne an dich denken, vielleicht Dinge, für die du eingetreten bist in deinem Sinne jahrelang fortführen und so ein Teil deines Gedankengutes oder auch deines Wesens weiterleben, dann hat das etwas sehr besonderes. Wenn sie achten, was dir wichtig war und schätzen, wie du was auch immer gemeistert hast um ihnen das zu hinterlassen, was kostbarer nicht sein kann, läuft es durchaus in gewisser Weise gesegnet. Demnach hat es sich gelohnt zu sein, wer du warst und es erfährt auf diesem Weg eine Ehre, die dir sodann ohne Zweifel auch gebührt!  

 

 Hingegen vergisst man dich und verweigert jegliches Gedenken an deine Person käme das einer Hölle vermutlich sehr nahe. Wenn sie verachten, was du getan hast und möglichst schnell verdrängen wollen, was dich ausmachte – wenn sie es todschweigen und deinen Namen, wenn überhaupt mit Groll oder gar Abscheu aussprechen, mit Entrüstung als auch vehementer Geringschätzung alles auslöschen wollen, wer du warst, dann läuft es nicht gerade gut für dich oder die Person, die du warst. Das brennt zwar nicht knisternd und alles zerfressend vor sich hin oder riecht nach außerordentlicher Bestrafung bis in alle Ewigkeiten hinein noch ist es durchs Fegefeuer gekennzeichnet, aber wenn Menschen dich alsbald vergessen oder gar nicht mehr an dich denken wollen, sich widerwillig nur mit einem innerlichen Schaudern an dich erinnern, dann hast du wohl selbst dazu beigetragen – und zwar nur du selbst, niemandem sonst kannst du das anlasten!

 

 Damit wäre dann das letzte Glied in der Kette des Lebens benannt, wenn du also ohne Falschheit oder Heuchelei die bedingungslosen Konsequenzen für das zu tragen hast, was du alles verzapft oder eben auch nicht vergeigt hast!

 

  Unweigerlich fielen Lotta jene Gestalten ein, die mit den Brunnen und so. Hm – naja gut, da mag es wohl zutreffen, dass eben nur diejenigen deinen Namen kennen, die den entsprechenden Vertrag mit dir gemeinsam unterzeichnet haben. Vermutlich werden diese dir sogar Zuspruch erteilen und Respekt zollen, weil sie sich durch dich bereichern konnten. Und doch, davon war Lotta fest überzeugt, werden die Schwingungen all derer, die eben genau darunter zu leiden hatten alles andere absorbieren, Karma-technisch gesprochen. Und das freute Lotta, um nicht zu sagen, freute sie ungemein. Des Weiteren hatte diese Freude nichts mit Schadenfreude an sich zu tun, sondern war halt eine strahlende Beruhigung darüber, dass es ein ausgleichendes Gefüge gab!

 

 Dieser ganze Kram beginnt aber schon weit früher die Fühler nach uns auszustrecken als mit unserem Dahinscheiden. Sobald ein Minimensch in der Lage ist, seine Umgebung wahrzunehmen und durch Beobachtung zu lernen, kann er automatisch auch imitieren. Er ahmt nach und entwickelt auf dem, was ihn umgibt, mehr und mehr seine eigene Persönlichkeit, zumindest wenn man ihn lässt. Bei uns Menschen hat es halt den Vorteil, dass wir unsere Fähigkeiten, unsere Stärken oder Talente erst erkennen müssen sowie die Bereitschaft, uns danach zu richten. Es gibt leider viel zu viele Individuen, denen das nicht gelingt, aus welchen Gründen auch immer. Die Berufe erlernen und ausüben obwohl total ungeeignet. Gibt es nicht in fast jeder Erinnerung mindestens einen Lehrer, von dem man sich ernsthaft gefragt hat, warum dieses Mensch nicht besser auf seine innere Stimme gehört und etwas ausgesucht hat, was sinnvoller als auch für ihn selbst deutlich befriedigender gewesen wäre? Der eine oder andere hat diesen Studiengang dem Klischee folgend belegt, weil man dort gut verdient, viel frei hat und längst nicht jeder ist den Anforderungen gewachsen und lebt diese dauerhafte Enttäuschung als auch Überforderung aus, indem er unsere Kinder angeht und damit ebenfalls dem einen oder anderen nicht unerheblichen Schaden zufügt, den wiederum wer anders ausbügeln darf, bzw. muss!

 

 Es hat alles Konsequenzen, wer wir sind oder ob wir zu dem werden können, ausleben dürfen, wer wir halt sind! Und schon wieder offenbart sich die alles andere weit in den Schatten stellende Verpflichtung eines jeden Erwachsenen, ein möglichst gutes als auch verantwortungsbewusstes Vorbild zu sein, das Orientierung, Halt und Urvertrauen geben kann. Wessen Wurzeln von physischer oder psychischer Gewalt in Form von körperlicher Züchtigung oder aber auch seelischer Grausamkeit geprägt waren, der wird sich auf seinem Weg durch diese Welt verirren. Wie wir es kompensieren, liegt in jedem einzelnen von uns begründet.

 

 Und da geht das grundsätzliche Übel auch schon weiter. Jeder macht letztendlich, was er will und muss doch keine ernsthaften Konsequenzen fürchten, eben weil die Kontrolle als auch Umsetzung dieser besagten Kontrolle vollkommen utopisch ist und einer totalitären Überwachung gleichkäme. Das, was wir alle so fürchten, obwohl doch schon an so vielen Stellen existent als auch unausweichlich! Nur da, wo es wirklich angebracht wäre, kriegen wir das nicht auf die Kette – schon sonderbar!

 

 Lotta war sich nicht sicher, ob das, was sie meinte, auch verständlich formuliert war. Sie dachte an eine kleine, aus dem Gestein entspringende Quelle vergleichbar mit der Geburt eines Kindes. Einer Seele, die ihren Weg wird finden müssen. Sie dachte daran, dass dieses kleine Rinnsal sich ebenfalls seinen Weg bahnen wird, unabhängig davon, wo es vorbeikommt. Dann fällt Niederschlag und vielleicht sammeln sich hier und dort noch weitere Stauungen von Wasser, die sich mit dem kleinen Gerinnsel verbinden und ein Bächlein entstehen lassen. Im übertragenen Sinne die ersten Erfahrungen, die das kleine Menschlein im Kreise derer, die für es sorgen, machen wird.

 

 Vielleicht passieren schon hier die ersten Fehler und das Kind ist einem Eindruck oder einer Wahrnehmung ausgeliefert, der es sich nicht entziehen kann, welche aber ernsthafte Folgen für die Entwicklung seines Wesens, seines Charakters haben wird. Das wäre dann so, als würde irgendein Depp nun sein verseuchtes Abwasser in den kleinen Bach leiten und diesen verunreinigen. Womöglich ändert er sogar seine Farbe vom kristallklaren Nass hin zu etwas undefinierbar bräunlichem oder so! Sollte nun niemandem in der Umgebung des, bildlich gesprochen mit Unrat verseuchten Kindes, in der Lage sein oder aber sich dazu verpflichtet fühlen, einzuschreiten und diesem zu helfen, bleibt es im weiteren Heranwachsen dementsprechend belastet.

 

 Wenn nun das inzwischen kleine Flüsschen nicht auf ein anderes Gewässer trifft, dessen Wasser rein ist und die trüben Verfärbungen mildern kann, bleiben die Schadstoffe erhalten und es lässt überall dort, wo es langkommt, etwas davon zurück. Ebenso wie das Kind, das längst ein Teenager ist, Auswüchse dessen, was er oder sie erlernt hat oder auch weil er oder sie darunter leidet, einen entsprechenden Eindruck hinterlässt. Das Offensichtliche ist in seiner Einstellung, an seinen Entscheidungen abzulesen, erkennbar an seinem Frust oder dem Verlangen, anderen Schaden zuzufügen als auch deutlich an dem Bestreben festzumachen, sich hartnäckig von denen zu distanzieren, die es wider Erwarten tatsächlich mit ihm oder ihr gut meinen, was er jedoch nicht erkennt. Kann er auch nicht erkennen, wegen weil er oder sie nie gelernt hat, zu vertrauen sondern eher das Gegenteil davon an der Tagesordnung war … nämlich, dass zu vertrauen gefährlich und dämlich ist und Verletzungen nach sich zieht, denen man dann auch wieder alleine ausgesetzt bleibt. Sie stolpern in der Folge hoffnungslos in eine Richtung, die nichts Gutes in sich bergen kann.

 

 Würde man an dieser Stelle nun dem Bildnis mit dem ursprünglich kleinen Flüsschen erneut die Hand reichen wollen, wäre man vermutlich an jenem Ort angekommen, wo es rasant an Fahrt aufnimmt und der Fluss seinen Weg mitten durch beliebig postierte Felsen finden muss. Die Stromschnellen, die gefährlich anmuten und vielleicht alles bedingungslos mitreißen, was sich in unmittelbarer Nähe befindet, haben nun die Oberhand. Womöglich gelingt es durch das Aufwühlen der Sedimentablagerungen, das führende Wasser zu reinigen, sodass letztendlich wieder klares Nass den Hang hinuntertreiben kann. Für den verwirrten als auch orientierungslosen Teenager oder jungen Zwanziger wäre das dann im übertragenen Sinne eine Seele, die dich erkennt, das Leid in dir sieht und sich nicht scheut, aufgrund dessen was sie sieht, bei dir zu bleiben und dir das zu geben, was du brauchst um zu dir zu finden und um das so unentbehrliche Vertrauen aufbauen zu können.

 

 Dem Verlauf folgend könnten sich wiederum zwei verschiedene Optionen ergeben. Einerseits kann es passieren, dass man einem natürlichen Flussverlauf Einhalt gebietet und ihn krampfhaft zu begradigen versucht. Solche Maßnahmen können auch mal gerne nach hinten losgehen, weil bei Hochwasser, andauernden heftigen Regenfällen oder aber nach der Schneeschmelze der Fluss, wenn auch vorhersehbar dennoch unausweichlich, über die Ufer tritt und alles mitreißt, was ihm da so in die Quere kommt. Das Zwingen von Menschen in bestimmte, festgelegte Schemata, die wer anders bestimmt, kann ebenfalls zur sich frühzeitig ankündigenden Eskalation führen, die eigentlich aber keiner wollte.

 

 Hat der Fluss die Erlaubnis, seinen Weg selbst zu suchen und kann sich auch dementsprechend selbst reinigen von dem, was man ihm zugeleitet oder in ihm versenkt hat, sprich die Wunden, die ein Mensch einstecken musste, dürfen verheilen, kann er einen friedlichen Lauf nehmen. Jener Fluss, der inzwischen stark und kräftig genug ist, alles was sich in den Fluten mitführen lässt zumindest ein Stück weit fortzutragen, bis sie entweder im Schlamm versinken und damit hinter sich gelassen werden können oder aber bei heftigen Wetterverhältnissen eventuell sogar an Land gespült werden, ist nun nicht mehr zu bremsen. Wie auch der Mensch die eine oder andere Narbe auf seiner Seele davonträgt, ohne dass diese Gefahr läuft, bei Berührung erneut aufzureißen. Irgendwann dann hat die Breite als auch die Fließkraft des Wassers vermutlich ein solches Ausmaß erreicht, dass egal wie groß der Stein auch sein man, den man hineinschmeißt, das Wasser einfach ungehindert seinen Weg fortsetzen wird. Der Fluss an sich wird deswegen seine Richtung nicht mehr ändern oder an Fließgeschwindigkeit einbüßen.

 

 Und genauso kann man letztendlich Menschen wieder auf den „rechten Weg“ zurückführen, selbst dann, wenn ihnen in frühester Kindheit oder jugendlichen Tagen ein vermeintlich irreparabler Schaden zugefügt wurde. Mit der zur richtigen Zeit einsetzenden Unterstützung, die auf Vertrauen aufgebaut ist, ist nichts unmöglich! Ist man zudem bereit, sich helfen zu lassen (wann auch immer im Verlaufes seines Lebens) und gewillt, an sich zu arbeiten, wird einen so bald nichts mehr komplett vom Weg abbringen. Stößt einem dann etwas Unschönes oder auch wirklich Übles zu, besitzt man nun die Fähigkeit als auch die Kraft, seinem Inneren weiterhin zu folgen, sich erneut aufzurichten und mit Blickrichtung nach vorne weiterzulaufen!

 

 Auch wenn die Umsetzung einer halbwegs funktionierenden „Kontrolle“ der Erziehung unserer Kinder nicht machbar und es ebenso als äußerst grenzwertig zu betrachten ist, würde man das familiäre Leben aller möglicherweise kläglich versagenden Individuen unter die Lupe nehmen wollen, bleibt die Bedeutsamkeit doch unantastbar. Niemand wird „gut“ oder „schlecht“ geboren, sondern man wird erheblich durch das beeinflusst, was uns über lange Jahre betreut und begleitet. Dabei ist Wohlstand alleine nicht das ausschlaggebende Kriterium für Erfolg oder Armut ein Zeichen für unabwendbares Versagen. Gleiches gilt für Bildung! Außergewöhnliche Kinder können durchaus weniger bemerkenswerte Eltern haben wie auch hochtalentierte Eltern Kinder mit überschaubaren Fähigkeiten hervorbringen können. Dann liegen die Talente halt woanders, wo ist das Problem?

 

 Nicht in jedem Fall sind es die Ungebildeten, die sich ständig wissentlich über moralische Werte hinwegsetzen. Lotta wagte sogar den Vorstoß, dass es gerne auch mal gerade diejenigen waren, die von einem hohen geistigen Niveau aus offensichtlich falsche Entscheidungen trafen und das ganz bewusst, was noch viel schlimmer ist!

 

 Gerade die Mächtigen und Reichen haben, wie schon mehrfach ins Auge gefallen, nicht so wirklich viel über für Achtung des Nächsten oder Spielraum zur freien Entfaltung gemäß den persönlichen Fähigkeiten. Dort zählen mehr Standesdünkel und was dein Nachbar über dich sagen könnte, generell die Leute. Das Ding mit „hinter verschlossenen Türen“ und so weiter ist dort nicht weniger existent als in den ärmeren Regionen. Der „schöne Schein“, wie man gerne sagt, der nach außen hin eine blanke Fassade präsentiert, gehört ebenso dazu wie ein „guter Ton“, sprich Etikette. Das Bestreben, unter sich zu bleiben, findet man gerne genau dort. Einer Erweiterung des Horizontes zuzustimmen, indem man sein Herz öffnet und mal um sich schaut sowie zu würdigen weiß, dass es einem doch recht gut geht, gelingt längst nicht jedem.

 

 Die sogenannten „Jet-Setter“, die mal eben zum Shoppen von A nach B fliegen, denken nicht ernsthaft über die Notwendigkeit ihres Trips nach und wägen dann ab, ob die Belastung der Natur sowie die verursachenden Kosten das Vorhaben rechtfertigen können. Sie tun es, weil sie es können. Will sagen, was ich gelernt habe und aufgrund dessen für „normal“ halte, selbst dann, wenn man mir darlegt, dass es da andere gibt, denen es weniger gut geht, reicht nicht aus, um einen inneren Wandel vollziehen zu können.

 

 Wir sind das, was wir sind durch das, wo wir herkommen, bzw. wie wir herangewachsen sind unter Einflussnahme aller sonstigen Umstände, die da entweder gut oder schlecht waren. In deren Folge wir gelernt haben, uns zu behaupten oder eben halt auch nicht. Welche Rolle wir auf dem gesellschaftlichen Parkett erreichen ist nicht unwesentlich von der Hand im Rücken abhängig, die wir haben oder missen mussten. Das alles prägt und gestaltet unseren Charakter nicht unerheblich! Was wir daraus machen obliegt dann ab einem gewissen Zeitpunkt uns selbst – so oder so, im positiven wie auch im negativen Sinne. Nur leider hat auch das wiederum Auswirkungen auf das Drumherum, auf die, mit denen wir es zu tun haben oder mit denen wir umgehen müssen, für die wir die Verantwortung tragen und so weiter … Kommen wir eigentlich aus der Nummer in irgendeiner Weise wieder raus?